The Raveonettes / Sons & Daughters

Die Zwei und die Vier betonen

Text: Gunnar Klack

Retrorock kann verwirrend sein. Die Bands der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre liefern Vorbilder und Inspiration, doch auch aktuelle Retrophänomene, die sich ihrerseits auf noch frühere Epochen beziehen, werden verarbeitet. Nicht zuletzt ist Retrorock an sich nicht unbedingt nostalgisch gemeint. Sowohl den Raveonettes als auch Sons & Daughters liegt eine Weiterentwicklung der Rockmusik am Herzen. Sie tun dies mit Stilmitteln, die zwar zu bestimmten Zeiten prägend waren, aber deswegen nicht zwingend überholt sind. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Bo-Diddley-Beat. Im 4/4-Takt die Zwei und die Vier zu betonen, das ist das Merkmal des Rock’n’Roll schlechthin, und stellt die Verbindung zwischen musikalischen Verwandten her. Vom »I Want Candy« der Strangeloves über »Can’t Hurry Love« der Supremes bis zu »Last Night« von den Strokes ist dieser Backbeat zu hören. Langsam gespielte Versionen bilden das Rückgrat von »Be My Baby« der Ronettes oder »Just Like Honey« von The Jesus And Mary Chain.

TheRaveonettes
The Raveonettes: Die Originale des Rock’n’Roll umarmen (Foto: © Soeren Solkaer Starbird)
    Die Raveonettes umarmen samt Bandnamen die Originale des Rock’n’Roll, seine mit viel Nachhall gespielte Variante des Surfrock, und letztendlich auch seine verzerrten Gegenentwürfe von The Velvet Underground und eben The Jesus And Mary Chain. Das konnte man schon auf den ersten beiden Alben der Dänen feststellen, denn »Chain Gang Of Love« und »Pretty In Black« präsentierten sich hemmungslos als Zitatsammlungen der Rockgeschichte. Schon auf »Pretty In Black« wurden die Grenzen dieses Konzeptes deutlich – mehr als ein zweidimensionales Abbild ihrer Einflüsse war die Platte nicht. Unglücklich über diese Entwicklung, wagten Sune Rose Wagner und Sharin Foo zuletzt einen radikalen Bruch mit Band, Label, Heimatstadt und bereits geschriebenem Material. Sie zogen nach New York und nahmen im Alleingang »Lust Lust Lust« auf. Das Ergebnis ist eine kluge Besinnung auf ihre eigene Welt, es stellt nicht mehr ihre Vorbilder, sondern die Musiker selbst in den Vordergrund.

    Düsterer, langsamer und noch verzerrter als alles andere zuvor klingt »Aly Walk With Me«, eine Ballade im Stile von, genau, The Velvet Underground, die durch ihre synthetisch anmutenden Beats viel mehr nach Gegenwart klingt als man den Raveonettes zugetraut hätte. »Blitzed« markiert mit seinem kaum verfremdeten Backbeat, harmonischem Duettgesang und Surfgitarre das andere Ende des Spektrums. Wagner und Foo werden durchgehend von Verstärkerrauschen und Feedbackpfeifen begleitet, wenn sie über die dunklen Seiten von Liebe und Lust sinnieren. »You Want The Candy« darf gleichzeitig als Verweis auf The Strangeloves und Bow Wow Wow und, wiederum, The Jesus And Mary Chain interpretiert werden. Aus einer Band, die man einmal als ganz cleveren Witz der Musikgeschichte hätte bezeichnen können, sind wirklich faszinierende Musiker geworden.

SonsAndDaughters
Sons & Daughters: Sehr klassisch, das »Ah-ah-ha-ha« und »Who-oh-oh-oh« (Foto: © Domino Record Co)
    An diesem Punkt sind die vier Glasgower von Sons & Daughters noch nicht angelangt. Zwar sind die Zitate bei ihnen nicht ganz so offensichtlich wie bei den Raveonettes, aber dafür ist die Band auch weniger greifbar. Ihr Image würzen die Schotten gerne mit der Ästhetik alter Hitchcock-Filme, auch wenn ihre Musik viel mehr in Richtung Punk geht.

    »This Gift«, das ebenfalls dritte Album der Band, ist mehr Weiterentwicklung als Renovierung. Man würde nicht unbedingt vermuten, dass der Produzent des Albums Ex-Suede-Gitarrist Bernard Butler war, und dass der von der Band absoluten Gehorsam forderte, ehe er in die Arbeit einwilligte – so nahtlos schließt der Indie-Disco-Dance-Punk von »This Gift« an den der Vorgängerwerke an. Der Bo-Diddley-Beat findet sich hier seltener, am deutlichsten noch auf »Chains« und »Darling«. Dafür erinnert das häufige »Ah-ah-ha-ha« und »Whoho-ho-ho« der Background-Vocals sehr an klassischen Rock’n’Roll, oder eben an dessen Interpretation durch die Ramones. Die Single »Gilt Complex« stampft mit einem schnellen Backbeat, Scott Paterson spielt darauf ein wunderbar beißendes Gitarrenriff. Stellt man »This Gift« in den Raum zwischen den letzen Alben von Franz Ferdinand und International Noise Conspiracy, liegt man nicht so verkehrt. Retro sind sie alle allemal.


»Lust, Lust, Lust« von The Raveonettes
ist bereist erschienen (Fierce Panda / Cargo), »This Gift« der Sons & Daughters wird am 01. Februar bei Domino Records veröffentlicht. Das Album kann man hier vorab in Gänze streamen, Sons & Daughters spielen Mitte Februar drei Live-Shows in Deutschland.

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