MC Gringo
Einfach ein ›guter Typ‹
Text: Jan KedvesEs klingt nach Fake, ist aber wahr und sogar eine gute Party: MC Gringo, ein Ex-Punk aus Stuttgart, kommt in den Favelas von Rio de Janeiro groß raus – als schwäbelnder Baile-Funk-MC. Seit kurzem schreibt er eine Kolumne für die taz und eine Dokumentation wird über den »Alemão« produziert. Seine Musik trägt er nun erstmals auch Live nach Deutschland.

Auswandern liegt im Trend, vor allem im Fernsehen. Als Star bei »Goodbye Deutschland« oder »Mein neues Leben XXL« würde MC Gringo eine weit bessere Figur machen als all die Vorzeige-Neuanfänger, die aus ihrer deutschen Kleinbürgerexistenz aussteigen, um, verfolgt von Kameras, an der Costa Brava Boote zu verleihen oder in Kanada eine Gotcha-Ranch zu eröffnen: Bernhard Hendrik Hermann Weber Ramos de Lacerda, wie MC Gringo mit vollem Namen heißt (seitdem er eine Brasilianerin geheiratet hat), stammt aus Stuttgart und reüssiert in Rio de Janeiro als Baile-Funk-MC.
Früher, in Deutschland, spielte er in lokalen Punkbands, jobbte als Dressman und als Assistent bei einer Plattenfirma. In Brasilien tritt er nun pro Nacht auf drei bis fünf verschiedenen Bailes vor tausenden von begeisterten Funkeiros und Funkeiras auf und wird in die Talkshow von Jô Soarez, dem brasilianischen Harald Schmidt, eingeladen. Klingt zu gut, um kein Fake zu sein? »Ich bin einer, der den Sachen auf den Grund geht«, meint MC Gringo.
Auf den Grund gehen, das heißt bei ihm: 2002 nach Rio ziehen, seiner Frau, aber auch der Musik wegen, auf Portugiesisch freestylen, sich in der mafiösen Baile-Szene Rios gegen die etwa 30.000 anderen Funk-MCs durchsetzen – mit schwäbischem Akzent und VfB-TShirt. Dann mit Produzenten wie DJ Sandrinho und DJ Amazing Clay Tracks produzieren und auf einer der Compilations des Baile- Funk-Godfathers DJ Marlboro landen: MC Gringo ist für Baile Funk das, was Gentleman für Roots Reggae oder Roberto Blanco für den deutschen Schlager ist – ein Kuriosum, der Einbruch des ›Fremden‹ in eine Monokultur.

VIDEO: MC Gringo - A DocumentaryAußerhalb Brasiliens wurde Baile Funk bislang nur von Acts popularisiert, die nicht aus Rio stammen: Bonde Do Role, Diplo, M.I.A., Edu K – sie alle haben den aus Hiphop, Funk und Voodoorhythmen amalgamierten Sound gewissermaßen als Außenseiter aufgesaugt. »Ich bin das erste Bindeglied zwischen echtem Rio-Funk und der Welt«, meint MC Gringo.
Auf seinem Album »Gringão«, vertrieben über das Berliner Label Man Recordings, erweitert er das aus dem üblichen ›Tamborzão‹-Beat und schrillen Effekten bestehende Soundrepertoire des Genres um Mundharmonikasamples und Eurorave-Anleihen. Auch textlich bemüht er sich um Diversifikation. Normalerweise dreht sich in Baile-Funk-Lyrics alles um Sex und Drogen, Gringo versucht es deeper: mit Völkerverständigung. »Deutsche, das sind dem brasilianischen Klischee nach die, die warmes Bier trinken. ›Alemão‹, also ›Deutscher‹, ist im Funk-Slang sogar ein richtiges Schimpfwort«, berichtet MC Gringo. »Deswegen singe ich in meinem Song ›Alemão‹: ›Ich bin ein Deutscher mit gutem Blut‹.« Sowas kommt auch bei den etwa 20 Millionen Deutschstämmigen in Brasilien gut an – verfolgt aber, betont Gringo, keine Herrenmenschenagenda. »Ein Mann mit ›sangue boa‹, das ist einfach ein ›guter Typ‹.«
Völkerverständigung, das ist dann auch das Anliegen, das MC Gringo im Januar auf seine erste Clubtour durch Europa führt. »Ich werde nicht nur auf Partys auftreten, sondern auch Lesungen machen. Ich will die schlechtesten Artikel vorlesen, die über Funk in Rio veröffentlicht worden sind«, erzählt er. »Die meisten Berichte sind ja wahnsinnig mies recherchiert und reißerisch! Dabei ist es in der Favela gar nicht so schlimm – mir hat jedenfalls noch niemand eine Kugel in den Kopf geschossen.«
»Gringão« von MC Gringo ist bereits erschienen (Man Recordings / Alive). In wenigen Tagen beginnt seine erste Deutschland-Tournee, alle Daten finden sich hier.

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