Justus Köhncke / Kinky Justice

Safe And Sound / Music And Lyrics

Text: Konrad Feuerstein

Mit seinem Hang zu programmatischen Titeln nimmt Köhncke dem Rezensenten fast die Arbeit ab. Sein letztes Album vor drei Jahren hieß »Doppelleben« und war ein Versuch, seine beiden typischen Betätigungsfelder – House und Romantikpop – zu verschmelzen. Köhnckes Erfindung ›Schlagertechno‹ wurde damals auch über das jecke Köln hinaus zum Entgrenzungs-Craze der Saison. »Doppelleben« war das erste Kompakt-Release mit Texten auf dem Innencover (!), zudem nicht etwa eine DJ-freundliche Doppel-12”, sondern eine klassische Langspielplatte. Denn in Köhnckes referenzreicher Welt wird auch das Tonträgerformat zum nostalgisch aufgeladenen Fetisch.

    Die neuen Werke dagegen verkünden die konsequente Trennung beider Modi: Song vs. Track. Der Popbarde nennt sich jetzt Kinky Justice, weil das so ähnlich klingt wie ›Köhncke Justus‹, nur kinkier. »Music And Lyrics« ist eine niedliche 10” mit vier Coverstücken, die insgesamt vierte Veröffentlichung des nach zehn Jahren reaktivierten ICI-Labels, das Köhncke zusammen mit der Künstlerin Cosima von Bonin betreibt. »Safe And Sound« hingegen ist eine Full-Length-Tracksammlung, erhältlich auf zwei getrennten Maxis, denn das ist, genau: DJ-freundlich. Damit scheinen die Weichen für’s Erste per Massenentscheid gestellt: Die Leute wollen Köhncke für seine treffsicheren Kompakt-Clubtracks, und die bekommen sie. Schließlich hat Köhncke sich mit dem wachsenden Erfolg der Maxis, die er seit 2001 für das Kölner Technoimperium Kompakt produziert, längst aus dem Schatten von Whirlpool Productions befreit. Kinky dagegen, der zart-verschrobene Sängerknabe und Candlelight-Entertainer, wird zu einem liebevoll nebenher gepflegten Hobby. Und um Schlagertechno, die Synthese der beiden Pole, müssen sich dieses Jahr andere kümmern.

Kinky Justice Justus Köhncke    Anstatt Münchner-Freiheit-Hits hat Justice für »Music And Lyrics« ein paar sicher kanonisierte Popklassiker ausgewählt, somit ist dies der thematische Nachfolger zu Köhnckes Solodebüt »Spiralen der Erinnerung« (ICI, 1998). Von fast derselben Kongenialität beseelt wie bei seinem damaligen Neil-Young-Tribut »Old Man«, macht er diesmal aus Iggy Pops sinistrem »Nightclubbing« einen formidablen Dub, aus dem Dubhouseklassiker »New Day« von Round Two (aka Basic Channels Maurizio und Mark Ernestus) wiederum eine Ballade. Für Todd Rundgrens »A Dream Goes On Forever« und den Velvet- Underground-Schleicher »Candy Says«, die beiden strukturell originalgetreuesten Beiträge, hat Justice die gleichen Synthsounds benutzt, aber was macht das schon. Sein Märchenonkel-Timbre entschuldigt sowieso fast alles.

    »Safe And Sound« zeigt dann, wie sehr der Trackbuilder Justus Köhncke – hier co-produziert von seinem alten Whirlpool-Kompagnon Fred Heimermann – sich selbst inzwischen als Kontext genügt. Seine Arbeit existiert in einem wohligen Freiraum jenseits schneller Zeitgeister und klingt genau deswegen umso zeitlos-zeitgemäßer: Die Moroder- und Space-Disco-Elemente sind kein Zugeständnis an den Trend, sondern waren schon immer in Köhnckes Musik zu finden. Ein Oktavbass hier, etwas 96er-Minimal-Geschnarre da, eine dubbige Fläche dort: All diese Elemente laufen nebenher mit, ohne direkt für eine neue Positionierung zu stehen oder klare Referenz zu werden. Das einzige Cover, das er sich auch hier nicht verkneifen kann, Michael Rothers »Feuerland«, repräsentiert den Krautrockeinschlag, der Köhncke ebenfalls nie fremd war. Das Ergebnis ist wie immer mehr als die Summe der Einflüsse: Köhncke generiert unaufdringliche Wärme, ohne analog zu klingen, und erzeugt immergrünen Discoglamour ohne Discosounds. Vielleicht ist das seine bemerkenswerteste Fähigkeit.

LABEL: Kompakt / ICI

VERTRIEB: Kompakt

VÖ: 01.02.2008

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