Get Well Soon, quasi-symphonischer Pop

Text von Martin Hossbach
am 14. Januar 2008

Melancholie und Pathos aus Oberschwaben: Konstantin Gropper alias Get Well Soon bewundert den französischen Dirigenten Pierre Boulez genauso wie den ›genialen Dilletanten‹ Blixa Bargeld –  und komponiert quasisymphonischen Pop, der die Laune hebt.

GetWellSoon
Konstantin Gropper als Get Well Soon: Popakademie als Exit-Strategie
»Shoot, baby! Shoot! / Free us from the pressure! / With a rifle or a gun! / We can’t live forever!«, singt ein unschuldiger, betörender Cheerleader-Chor – ein hypnotischer Sprechgesang, der den Hörer nicht mehr loslässt. Diese Musik tönt so wenig deutsch wie Morrissey amerikanisch klingt, die Produktion ist aufwändig, ein großer Instrumentenapparat, tief gestaffelte Arrangements, dazu eine sonore Stimme, die reinstes Englisch singt – alles nachzuhören auf dem Debütalbum von Get Well Soon im Song »If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting«. Lernt man so etwas auf der Popakademie Mannheim?

    Konstantin Gropper, 25, windet sich: »Ich spreche nicht gern darüber, ›Popakademie‹ klingt so nach Castingshow!« Gropper, in einem Dorf in Oberschwaben als Sohn eines gymnasialen Musiklehrers aufgewachsen und, »wie das in Bildungsbürgerhaushalten so üblich ist«, im Alter von fünf Jahren mit der Kunst des klassischen Cellospiels vertraut gemacht, warf zunächst ein Philosophiestudium an, um kurz darauf zu entscheiden, sich voll und ganz der Musik zu widmen. »Da erschien mir der dreijährige Bachelor an der Popakademie wie eine gute Exit-Strategie.« Gefallen hat ihm das Studium gleichwohl nicht. Schlimmer noch: »Normen im Pop sind fatal.«

    Als Get Well Soon macht sich Gropper stark für einen Pop von quasi-symphonischem Ausmaß, in Kitsch verfällt er aber nie. Seine Stücke klingen nach den Spaghettiwestern-Scores eines Morricone, nach der glühenden Mariachi-Wüstenmusik von Calexico – und gelegentlich nach den episch-düsteren Kompositionen der Tindersticks. Bemerkenswert ist, dass Gropper diese Musik alleine aufnimmt, »im Schlafzimmer, am Computer«. Er spielt alle Instrumente selber ein und legt dann im Schichtverfahren Spur über Spur. »Ich komme von der Klassik«, betont Gropper. »Ich mag wohlorchestrierten Pop, der sich nicht nur der normalen Rock-Klangkörper bedient.«


VIDEO: Get Well Soon – If This Hat Is Missing, I Have Gone Hunting
Passenderweise erscheint Get Well Soons Debüt wie die Alben von Calexico bei dem Berliner Label City Slang. »Ohne Label geht es nicht«, sagt Gropper. »Radiohead können sich von einer Plattenfirma freimachen, aber für mich als Newcomer ist es enorm wichtig, dass jemand Marketing und Promotion übernimmt.« Gropper ist literarisch interessiert, und obwohl er auf Englisch singt, nennt er Blixa Bargeld und Schorsch Kamerun als Vorbilder, was den Umgang mit der deutschen Sprache anbetrifft. Zu »If This Hat Is Missing…« (siehe Spex-CD) inspirierte ihn Heinrich von Kleist. »Das Lied handelt von einem Paar, das sich umbringt. Kleist hatte Selbstmordfantasien und nahm schließlich eine Bekannte mit in den Tod. Sich aufgrund einer merkwürdigen Weltschmerz-Solidarität umzubringen, finde ich, nun ja: interessant. Im übertragenen Sinne steht diese Geschichte aber für Abhängigkeiten in zwischen menschlichen Beziehungen.«

    Abhängigkeiten, die Gropper, auf sich alleine gestellt, bei der Herstellung seiner Musik meidet. Dafür geht er sie auf der Bühne wieder ein – seine Live-Band hat er aus Mitgliedern seiner Familie sowie aus Musikern aus Biberach, Mannheim, London und Dublin rekrutiert. Bis jetzt hat das Zusammenspiel gut funktioniert; die Band trat letzten Sommer sogar in England beim Glastonbury Festival auf. Gropper war davon allerdings wenig beeindruckt: »Ich bin kein Freund großer Festivals. Aber für die Vita ist so ein Auftritt natürlich gut!«

»Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon« von Get Well Soon ist bereits erschienen (City Slang / Universal)

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