Get Well Soon

Wissen, was man tut

Text: Walter W. Wacht

Mit den Arbeiten des klassischen Komponisten und Dirigenten Karlheinz Stockhausens – nicht weniger als der Initiator der modernen elektronischen Musik – wurde Konstantin Gropper schon in seiner frühen Kindheit konfrontiert. Jahre später lernte er diese Musiken für sich zu nutzen: »Stockhausen zu hören ist immer noch Arbeit, kein Vergnügen«, sagt Gropper. Anlässlich dessen Todes und Andenken hat er sich mit zwei Stockhausen-Kompositionen – »Stimmung für 6 Vokalisten« von 1968 und »Zyklus für Schlagzeug« aus dem Jahr 1959 – zum Arbeiten zurückgezogen, beide Stücke elektronisch bastardisiert und in ein dreieinhalb-minütiges Popformat gegossen. Es offenbart eine ganz andere Perspektive in Betrachtung auf den jungen Musiker aus Oberschwaben, der unter seinem Künstlernamen Get Well Soon Mitte Januar »Pop von quasi-symphonischen Ausmaß« in Form seines Debüt-Albums veröffentlicht.

GetWellSoonWelche Bedeutung hat Stockausen für deine musikalische Entwicklung?
    Ich erinnere mich daran, dass mein Vater, als ich klein war, auch mal Stockhausen, Ligeti oder Penderecki aufgelegt hat, um mir Angst einzujagen. Damals mit Erfolg. Für mich wurde Stockhausen dann erst wieder interessant als ich mich mit elektronischer Musik beschäftigt habe. Das war relativ spät, vor ungefähr vier, fünf Jahren: Aphex Twin und Björk haben ihn als großen Einfluss genannt, und so wurde auf einmal Papas Plattenschrank wieder interessanter.
    Es ist ja keine Neuigkeit, dass der »Gesang der Jünglinge« bis heute sozusagen ›das‹ Standardwerk in Sachen elektronischer Musik ist.

›Schwierige Musik‹ als Erziehungs- oder Disziplinierungshilfe: Wie geht man dann als junger Mensch damit um? Warst du verschreckt oder einfach nur nicht daran interessiert?
    Damals war ich noch sehr jung. Zwischen vier und sieben, würde ich sagen. Da kann man von Interesse an Avantgarde nicht sprechen, zumindest nicht bei mir – vielleicht gibt's ja irgendwo solche ›Wunderkinder‹. Erziehungsmaßnahme war das natürlich auch nicht, sondern schon eher ein Spaß. Dass einem fünfjährigen z.B. »Trenos« von Pendercki Angst einjagen kann, ist verständlich. Kubrick hat ihn nicht umsonst für Shining verwendet.
 

MP3: Get Well Soon - Stockhausen's Dead [MP3 / 4,3 Mb]
Warum hast du für »Stockhausen’s Dead« gerade die beiden Kompositionen »Zyklus für Schlagzeug« und »Stimmung für 6 Vokalisten« ausgewählt?
    Die Idee war dabei, akustische Versatzstücke elektronisch zu rekonstruieren. Also mit den Mitteln der heutigen Clubmusik (die Stockhausen ja – eher unbewusst – maßgeblich geprägt hat) zwei nicht-elektronische Kompositionen zu ›elektrifizieren‹.

    Außerdem fand ich Obertongesang immer faszinierend. Der Vokalzyklus »Stimmung« klingt auch irgendwie elektronisch. Ein gefilterter Synthesizer funktioniert im Prinzip wie Obertongesang. Also: das Stück soll eine Symbiose aus Akustik und Elektronik sein.

Wie gehen experimentelle Musik und Pop zusammen?
    Das kommt auf die Definition von ›Pop‹ an. Im Sinne von ›populär‹ gehen die beiden heutzutage leider sehr selten zusammen. Ich persönlich finde, ein gewisses Maß an Experiment muss Musik immer haben, um relevant zu sein. Gemessen an Stockhausen ist das im Pop natürlich meistens eine verschwindend geringe Dosis.

    Als Musiker sollte man heutzutage wissen, wie unglaublich weit die klanglichen Möglichkeiten bereits vor 40 Jahren ausgelotet wurden. Stockhausen zu hören ist immer noch Arbeit, kein Vergnügen.

GetWellSoonNach Jahren die Musik deines Vaters neu für dich zu entdecken scheint dann ein analytisches Hören bei dir ausgelöst zu haben. Das hört sich nach einer Herausforderung an.
    Denjenigen möchte ich sehen, der abends nach der Arbeit bei einem Bier noch den Licht-Zyklus zur Entspannung hört. Aber so ist die Musik ja nicht gemeint. Die soll Arbeit machen. Wäre schlimm wenn nicht. Lachenmann z.B. hat nicht 25 Jahre an seiner Oper geschrieben, damit man sie nebenbei hört. Emotionales Hören ist seit Adorno eh verboten.

    Für mich war dann später die klassische Avantgarde in erster Linie beeindruckend. Wahrscheinlich, weil ich sie nicht einmal annähernd verstanden habe. Dass sie sich einem emotionalen Zugang verschließt, finde ich reizvoll. Das anarchische Moment daran: man kann als Normal-Sterblicher dem eigentlich nicht folgen, was da passiert, zumindest nicht beim einmaligen Hören.

    Dennoch muss ich zugeben, dass mein Zugang doch ein emotionaler ist. Ich finde auch serielle Musik emotional. ›Unbehagen‹ ist beim Musikhören doch eine weit stärkere Emotion als das ›Schwelgerische‹, bei Chopin etwa. Vielleicht kommt das ›Unbehagen‹ bei mir aber auch durch die ›traumatischen‹ Kindheitserlebnisse mit dieser Musik.

Wie gehst du mit dem Mythos vom Funktionieren der Popmusik um? Hörer zucken ja gerne zusammen, wenn die betreffende Person oder Band gar nicht spontan emotional ist, sondern kalkuliert und scheinbar kühl analytisch Musik macht?
    Ich finde diesen alten Gaul der Authentizität im Pop albern. Warum darf denn Pop nicht auch aus einer theoretischen Überlegung entstehen? Da mache ich keinen Hehl draus, dass meine Musik zwar emotional ist, ich mir aber die fühlenden Subjekte auch ausdenke. Das muss doch nicht immer Ich selbst sein.

    Innovation im Sinne der Moderne kann per Definition nicht einfach entstehen. Man muss sich ja immer anstrengen, Klischees zu vermeiden. Deswegen lässt sich Pop mit seinen Intuitiven, Emotionalen und authentischen Momenten immer noch mit ›postmodern‹ rechtfertigen. Ich mag kombinieren, collagieren, zitieren …

    Eines bleibt: Ich finde, ein bisschen theoretischen Ansatz könnte der Popmusik nicht schaden. Das finde ich ja gerade faszinierend an z.B. Boulez: der ist nicht nur Musiker, sondern liefert den ganzen philosophischen Hinterbau gleich noch mit. Der hat nie eine Note geschrieben ohne zu wissen warum er das wie tut, das glaube ich zumindest. Nicht dass ich mich annähernd damit vergleichen will, aber das ist schon mein Kunstideal: Wissen, was man tut.

»Stockhausen’s Dead« steht als kostenloser Download zur Verfügung. »Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon« von Get Well Soon erscheint am 18. Januar (City Slang / Universal Music), alle Daten seiner laufenden Tour finden sich hier.

MP3: Get Well Soon - Stockhausen's Dead [MP3 / 4,3 Mb]

 

 

 

 

 

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