Caribou

Popstars sahen anders aus

Text: René Hamann

Früher eiferte er Aphex Twin nach, heute ist er mit Sixties-orientiertem Superpop modernen Formen der Romantik auf der Spur: Dan Snaith alias Caribou hat mit »Andorra« ein in der Vergangenheit schwelgendes Album aufgenommen.

CaribouDie ganz großen Gefühle. Liebe, Tragik, Traurigkeit, Erhabenheit und Glück. Musikalisch ausgedrückt und komprimiert auf die klassische Poplänge. 3:30 Minuten. Manchmal fragt man sich, was das soll, dass es anscheinend mehr aufregende Songs als aufregende Erlebnisse gibt. Es könnte an den Stücken liegen, denkt man dann mitunter: Sie setzen einfach viel zu hohe Maßstäbe. Jetzt erscheint schon wieder so eine Platte, voll mit solchen Songs. Sie heißt »Andorra«, wie der Zwergstaat in den Pyrenäen, und sie stammt von Caribou.

    »Caribou« ist der Titel eines frühen, tollen Songs der Pixies, mit den Pixies hat Caribou jedoch nichts zu tun. Im Wesentlichen besteht Caribou aus Dan Snaith, einem freundlichen jungen Mann Anfang dreißig, der mit rein elektronischer Musik angefangen hat und jetzt auf einmal große, symphonische Popmusik macht. Ein recht unscheinbarer Typ, ein Landei aus Kanada, der ein wenig aussieht, wie man sich den klassischen Computernerd vorstellt: unauffälliger Kurzhaarschnitt, Ringel-T-Shirt, auf der Nase ein Achtziger-Jahre-Kassengestell. Popstars sehen normalerweise anders aus. Besser sollte man sagen: Popstars sahen anders aus.

Das Wechselspiel aus den komprimierten Gefühlen von Platte und der realen Welt da draußen, wie funktioniert das heute? »Um Eskapismus geht es jedenfalls nicht«, klärt Snaith, wenn man ihn zu einem Interview trifft: »Es geht um Konzentration. Um die Vermittlung der unmittelbaren Empfindung.« Um Aufregung auch. Tatsächlich ist »Andorra« ein außergewöhnliches Album. Eines der schönsten, die in diesem Jahr erschienen sind. Wobei ›schön‹ hier natürlich im altmodischen Sinn des Worts benutzt werden sollte. Eine Schönheit der großen Gefühle im Kleinen. Die Schönheit einer Schwärmerei, der Glanz eines unverhofften Augenblicks. Auf »Andorra« geht es um moderne Formen der Romantik.

Die Stücke tragen Titel wie »She’s the One«, »After Hours« oder »Melody Day«. Auch »Andorra« funktioniert da als Chiffre: Snaith hat sich darunter immer einen etwas verwunschenen, romantischen Ort vorgestellt. Ein einsames, altes Bergnest. Dass das tatsächliche Andorra eher ein Touristenumschlagplatz mit Souvenirläden, Banken, Briefkastenfirmen und Duty-Free-Shops ist, diese Erfahrung hat er erst im Nachhinein machen müssen. Auch mit Max Frischs gleichnamigem Theaterstück, einer Parabel auf den Faschismus, wie er in Mikrostrukturen funktioniert, hat die Platte wenig zu tun.

Fünf Stücke auf »Andorra« tragen Frauennamen im Titel. Haben diese Namen lebende Entsprechungen?

    Dan Snaith: »Nicht unbedingt. Texte und Titel haben für mich eher etwas Funktionelles. Worum geht es in den größten Popsongs? Um Liebe natürlich. Es sind Liebeslieder. Die einzelnen Worte haben aber keine große Bedeutung, sie sind lediglich dazu da, genau in die Musik zu passen. Bei ›Andorra‹ ging es mir darum, alles zu intensivieren, alles kompakt zu machen. Die Leute zu überwältigen, indem ich einen emotionalen Moment erwische, der alle mitreißt. Wie es die Beach Boys zum Beispiel mit ›God Only Knows‹ geschafft haben.«

    Snaith selbst hat in einer Kleinstadt in Kanada ganz unschuldig mit Musik angefangen – mit den Platten seiner Eltern. Progrock, Yes und solche Sachen. Als es darum ging, sich vom Elternhaus auch musikalisch zu emanzipieren, stieß er dann nicht auf die damals überall angesagten Nirvana, sondern auf Aphex Twin. Seltsame Musik von seltsamen Leuten, die auch nicht mehr Equipment besaßen als er selbst, wie Snaith ganz sachlich erklärt. Mit Fashion, mit In-Sein, mit Moden hatte er ohnehin nie etwas am Hut. So war es dann vom Klavier zu Hause bis zum aus dem Musiksaal seiner Highschool entwendeten Sampler, für den sich sonst sowieso niemand interessierte, und zu den ersten mit diesem Gerät produzierten elektronischen Platten auch kein großer Schritt. Später zog Snaith nach London, beendete sein Studium mit einer Promotion in Mathematik und begann, unter dem Namen Manitoba Kopfhörermusik für Kopfhörermusikfreunde zu produzieren.

Seine Karriere stand damals aber noch unter einem ungünstigen Stern: Nur wenige interessierten sich für seine auf dem kleinen Label Leaf erschienenen Manitoba-Platten (in Deutschland gab es noch nicht einmal einen Vertrieb). Und eines Tages kreuzte auch noch der alte Punk-Haudegen Dick Manitoba (Ex-Dictators) auf und reichte eine Unterlassungsklage ein – Snaith hatte sich keinerlei Rechte am Namen Manitoba gesichert. Eine Menge Zaster floss auf die Konten von Rechtsanwälten, Snaith musste sich und seine Platten in Caribou umbenennen.

Von der Soundästhetik elektronischer Musik hin zum sechzigerorientierten Superpop, ist das für dich eine logische Entwicklung?
    »Dieser Wandel hat mit der Musik zu tun, die ich in der Zwischenzeit gehört habe. Seit meinem letzten Album habe ich mich für Zeug von Spacemen 3 und Spiritualized begeistert. Oder für Sachen wie Neu! und Can. Für mich geht es seitdem darum, meine Musik auf dem Computer so klingen zu lassen, als würden sie von einer großen Band gespielt.«

    Dass Dan Snaith seine Musik nach wie vor am Computer produziert, hat allerdings nicht nur damit zu tun, dass er es so nun mal von Anfang an gewohnt war. Anders wäre es ihm in London auch schlicht nicht möglich. »Die Stadt ist heute der Hauptgrund für meine Arbeit mit dem Computer: diese Arbeit ist erschwinglich«, erklärt Snaith. »Ich kann zu Hause aufnehmen, wann ich will, wie ich will. Ein Studio zu mieten, das wäre für mich in London einfach nicht drin.« So gesehen mag man angesichts der jüngsten kreativen Höhenflüge Caribous für die horrenden Selbsterhaltungskosten Londons Stadt fast schon dankbar sein.

»Andorra« von Caribou ist bereits erschienen (City Slang / Universal Music), die Single »She's The One« inklusive Remixen von Hot Chip und Kelley Polar (mehr ...) kann man im Rahmen der Sonntag beginnenden Tour bekommen. Alle Daten finden sich hier.

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Caribou:

    [...] eine aufregende Platte ins Haus: Im April erscheint das dritte Album des kanadischen Multiinstrumentalisten und Sound-Geeks Dan Snaith alias Caribou, vorab wurde heute der erste Song als Gratis-MP3 veröffentlicht. Darin hört [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Caribou:

    [...] kleine Sensation ist Dan Snaith alias Caribou mit seinem am 16. April erscheinenden Album »Swim« gelungen, nämlich [...]

     
 
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