Review: Sigur Rós Heima / Hvarf/Heim

Text:

In Bezug auf Sigur Rós wird gerne betont, dass die seltsamen Isländer ungern Interviews geben, dass sie sich nicht als Band empfinden, sondern als ›Musik‹ und dass sie in einer Phantasiesprache singen. Nichts von dem ist wichtig, wenn man »Hvarf/Heim« hört oder den parallel veröffentlichten Film »Heima« sieht.

    Wichtig sind Island und seine Bewohner, denen wollten Sigur Rós etwas zurückgeben. Wichtig ist die Nähe von Inszenierung und Wahrnehmungsauthentizität, denn sie ist unvermeidbar. Und wichtig ist ein freier Kopf, dann fängt alles an zu fließen: Bilder, Wasser, Reaktionen.

    Regisseur Dean DeBlois (ja, ihr heimlichen Disney-Trickfilme-›doch ganz gut Finder‹, der »Lilo&Stitch«-Macher) hat 2006 während einer zweiwöchigen Konzertreise quer über die Inselheimat von Sigur Rós nicht nur einfach drauf gehalten, er fing Bilder ein. Licht und Schatten, Wolken ziehen über bizarre Felsformationen, Lavawüste, Wasser wird zu Eis, Eis schmilzt, verlassene Häuser, Spuren im Sand, Kinder am Strand, eine Blaskapelle, Islandpferde, Schafsköpfe am Buffet. Dabei ist so viel Verbundenheit zum Land und der Musik ergriffen worden, dass über hundert Stunden Filmmaterial auf dennoch nicht ganz atemlose über zwei Stunden kondensiert eine Art volkskundlerische Dokumentation ergeben, deren Bildsprache beim isländischen Tourismusverband Gefallen finden könnte.

SigurRosHvarfHeim    Nationalbewusstsein und Nationalstolz sind hierzulande zwei differenzierbare Grautöne, also vergessen wir mal alle deutsche Überempfindlichkeit gegen Heimatliebe und spiegeln uns in den Menschen, die zu einem der 16 Auftritte zwischen der Hautstadt Reykjavik und einem Landschaftsschützer-Protestcamp auf Islands Hochebene pilgerten. Ihre gefilmten Gesichter zeigen die gesamte Palette an Gefühlsregungen, die ein Konzert von Sigur Rós auslöst; emotionale Unmittelbarkeit, die sich mit der Doppel-CD nachempfinden lässt. Auf (deutsch) ›Heimat‹ sammeln sich Akustik-Live-Versionen bekannter Sigur Rós Stücke wie das wunderbar kraftlose »ágætis byrjun«, und mit »Himmel« erscheinen u.a. drei unveröffentlichte Songs aus den Jahren 1995 bis 2002. Dass »hljómalind« erst jetzt aus der Versenkung geholt wurde, ist unbegreiflich, verfügt das Stück doch über all die epischen Eigenschaften, die Sigur Rós ausmachen. Und zudem besticht es durch eine Eingängigkeit, die den Hörer immer und immer wieder zurückkehren lässt. Das Gefühl, hier audio-visuell an etwas außergewöhnlichem teilhaben zu können, ist vielleicht vermessen, aber berechtigt.

LABEL: EMI

VERTRIEB: EMI

VÖ: 02.11.2007

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