Uffie

Sweet Sexteen

Text: Jan Kedves

Vier Millionen MySpace-Plays können nicht irren? Nach »Ready to Uff« und ihrer ersten handfesten Schreibblockade legt Uffie, die Daisy Duck des Zoten-Elektro, erstaunliches Talent an den Tag, ihre eigene Hypewerdung zu reflektieren.

UffieAnna Catherine Hartley ist eine Frau ohne Illusionen. Nur zwei 12-Inches auf Ed Banger Records, plus zusammengerechnet vier Millionen Plays auf MySpace haben die 19-Jährige in den letzten Monaten zu einer der am stärksten umworbenen Newcomerinnen des Popgeschäfts gemacht. Ihre dritte Single »First Love«, im Juli erschienen, hält den Hype bislang auf Niveau – mit einem im Random-Modus durchlaufenden Autotune-Effekt auf der Gesangsspur, durch den die Käsigkeit des darunter pumpenden Techno-Tracks ins hübsch Grenzdebile rutscht. Die Frage ist, wie sich so etwas toppen lässt, bzw. wie lange die MP3-Blog-Hipster die kettchenkauende Schulabbrecherin aus Miami, deren Tracks im Grunde alle klingen, als stolpere Daisy Duck angeschickert über einen Haufen Elektroschrott, noch für das ›next big thing‹ halten werden. »Wenn mein Album kein Knaller wird, bin ich gefickt«, bestätigt Uffie im typischen Hardcore-Duktus ihrer Raps.

    Als Live-Performerin ist sie nur mäßig begabt, vor allem klingt ihre Quäkstimme bei Auftritten noch dünner als auf MP3, doch so etwas steht gutem Pop nie im Weg. Die Musik, die Uffie mit ihrem Freund DJ Feadz in Paris produziert, ist guter Pop, nahezu perfekter sogar. Wie die beiden im Repertoire des Miami Bass und des Nasty Rap à la Salt-N-Pepas »Push It« ebenso schamlos wildern wie in den Soundwelten Daft Punks, des Crunk und des Grime, macht die Ohren schlackern. Diesen feisten Mix garniert Uffie mit Texten, die verschiedene Register der Selbstanpreisung durchspielen: »I am a damn crazy brat« heißt es da, oder »I am a wise chicken«. Nebenbei wird auch »Uff!« erfunden – ein ganz neues Wort für »Fuck«.

    Die Vorgeschichte: Mit 15 besucht Anna Catherine ihren Vater in Paris, der dort ein Denim-Imperium leitet. Sie beschließt, einfach dazubleiben – mit ihrer Mutter und den Geschwistern in Miami kommt sie eh nicht klar. Zum 16. Geburtstag schenkt Daddy ihr eine große Party im Pariser Technoclub Rex. Uffie bucht als DJ den jungen Produzenten Feadz, weil der angeblich Miami Bass spielt. Sie liebt Miami Bass – und nach der Party auch Feadz. Klingt verdächtig nach Teen-Trash à la »My Super Sweet Sixteen«, der kranken MTV-Sendung, in der verzogene Töchter nichts weiter tun als darauf hinzufiebern, ihr legales Deflorationsalter zu erreichen, damit Papa endlich die Fernbedienung für den Stretch-Hummer und das Geld für die Brust-OP rüberwachsen lässt. Uffie hört so etwas gar nicht gern: »Seh’ ich aus, als wär’ ich so drauf?«, blafft sie – und zeigt zum Beweis auf ihr Dekolletee.

Dass das Internet mittlerweile völlig ausreicht, um im Popgeschäft groß rauszukommen, war natürlich auch vor Uffie längst klar. Trotzdem lesen sich auch bei ihr die Erfolge, die sie in letzter Zeit feiert – völlig ohne breitenkompatibles, kommerzielles Produkt (wer kauft schon noch Vinyl?) – noch ein bisschen unheimlich: Vor kurzem trat sie bei einer A-Bathing-Ape-Party in Tokio auf, wo ihr direkt Pharrell Williams um den Hals fiel, beim Tribal Gathering in England (»Fünfzigtausend Raver, ekelhaft!«) wurde sie frenetisch bejubelt, in Berlin musste sie zuletzt Uffie-T-Shirts signieren, die sich Fans selbst gedruckt hatten – offizielles Merchandise gibt es von ihr noch gar nicht. Doch der Trubel fordert inzwischen auch schon seinen Tribut: »Letztens hatte ich meinen ersten writer’s block – vier Wochen lang!«, klagt Uffie. Erstaunlich eigentlich, diese Blockade, zeigte die Reim-Novizin zuletzt doch – nach eher konventionell gestrickten Animations-Raps wie »Uffie is here, the boys are screaming and the club is packed« (»Hot Chick«) – auch ein erstaunliches Talent darin, ihre eigene Internet-gestützte Hypewerdung zu reflektieren: »Magazines stalk me like record companies / I’ll do this photoshoot, but I’ll keep the Gucci«, erklärt sie im Track »Brand New Car«; in »Dismissed« beschimpft sie die Forum-User von Diplos Hollertronix-Website, die über sie lästern: »A lot of people read your crap, this is web pollution / But I ain’t complaining, bitch, over free promotion.« Ein enormer texterischer Fortschritt im Vergleich zu »Uffie & Me«, dem ersten Track, der Uffies Namen trug. Er erschien 2005 auf einer Maxi von DJ Feadz auf BPitch Control, und in ihm hieß es einfach nur: »Let’s fuck«.

    Gerade arbeitet Uffie in Paris mit Unterstützung ihres Lovers Feadz und Mr. Oizos an ihrem Debütalbum. Niemandem wird klarer sein als ihr: Das Debüt ist im Prinzip längst vorbei, je später das Album fertig wird, desto eher wird es als Nachklapp zum Hype verstanden. Thematische Erweiterungen ihrer Texte in Richtung Protestsong oder ›dear diary‹-Ballade sind also schon aus Zeitgründen nicht zu befürchten. »Scheiß drauf, ich bin jetzt nur noch ein Jahr Teenager, solange muss es krachen«, erklärt Uffie. Falls Pharrell Williams oder Madonna nicht noch mit Feature-Anfragen querschießen, kann also schon bald die Stunde der Wahrheit schlagen. Wann? »Am besten am Valentinstag!«

Die Single »First Love / Brand New Car« von Uffie ist bereits erschienen (Ed Banger / Discograph). Im Rahmen des Electricity Festivals tritt Uffie am 22.12. in Saarbrücken auf.

 

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2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Abschied vom Ideal der objektiven Schönheit:

    [...] für Kinder, für Skandale. Ohne Bow Wow Wow wären heutige Teen-Sex-Popstars wie Uffie, Ke$ha oder Bunny Holiday [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Das ist nicht fair:

    [...] Ennui vorgetragenen Refrain noch immer beeindruckend lässig – und erinnert doch daran, dass Uffie eigentlich der Hype von vor drei Jahren ist. Das lässt sie selbst natürlich kalt. Und doch gibt es mittlerweile einen Weltstar, der [...]

     
 
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