Valgeir Sigurdsson im Gespräch

Denken in Begriffen der Architektur

Text:

Er hat gleich mehrere von diesen Platten produziert, für die sich die halbe Indie-Globalität wahlweise das Herz ausreißen, die Schwiegermutter verkaufen oder im Hühnerstall Motorrad fahren würde. Der Isländer und Weltreisende Valgeir Sigurdsson sorgte unter anderem für  diesen vergleichsweise aufgeräumten Sound auf »The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn« von CocoRosie und arbeitete als Ton-Ingenieur und Beat-Programmierer für die beiden Björk-Alben »Vespertine« und »Medúlla«. Bonnie »Prince« Billys »The Letting Go« schließlich stellte eher eine musikalische Kooperation der beiden da, als dass Sigurdsson »bloß« produziert hätte. Sein eigenes Solo-Werk »Ekvilibrium« zieht Songwriting-Künste und instrumentale Texturen in elegische Weiten. Ein Gespräch.

Valgeir SigurdssonBevor man zu einem weithin bekannten Produzenten heran wächst, muss man zunächst einmal mit einem Instrument anfangen. Welches war's bei dir?
    Ich habe angefangen, Gitarre zu spielen, nachdem meine Cousins mir Punk und New Wave näher gebracht hatten. In meiner Stadt konnte ich keine Leute finden, mit denen ich hätte Musik machen können. Also wünschte ich mir schon früh, meine eigenen Songs alleine aufnehmen zu können. Ich fand heraus, dass mir Studio-Arbeit leichter fällt als alles andere und  hatte großes Glück, mit siebzehn einen Job in einem kleinen Studio zu kriegen.

In dem Alter wusstest du schon, dass du als Produzent arbeiten möchtest?
    Ich war ungefähr dreizehn oder vierzehn als mir klar wurde, dass ich als Produzent all jene Dinge kombinieren könnte, die ich an Musik so aufregend finde: Musik komponieren, mit einer Vielzahl begabgter Leute zusammen arbeiten und darüberhinaus verschiedene Sorten von Musik aufnehmen. Außerdem war ich immer schon ein kleiner Geräte-Nerd. Das Studio kam mir also immer aufregender vor als die Bühne.

Nun ist dein eigenes Album fertig. »Ekvilibrium« entwirft einen Sound voller verschiedenartiger Klänge und Strukturen mit einer zugrundeliegenden, introspektiven Stimmung. Arrangierst du die Songs aufgrund eines ausformulierten Konzeptes oder formst du einen Song eher nach Intuition?
    Es ist ganz eindeutig ein Schritt-für-Schritt-Prozess, in dem ich verschiedene Dinge ausprobiere, dabei entdecke, was funktioniert und was nicht. Einige meiner Freunde aber sagen mir, ich könne für andere Musiker und Musikerinnen Räume schaffen, in denen sie komfortabel arbeiten könnten. Das gilt dann für Musik wie auch für den tatsächlichen Raum, in dem sie sich aufhalten. Ich denke manchmal in den Begriffen der Architektur – in Vorstellungen von Raum, Interkonnektivität, Funktionalität und Ästhetik. Ich kalkuliere meine Musik jedoch nicht, sie entsteht sehr instinktiv.

Valgeir SigurdssonBonnie »Prince« Billy singt zwei herausragende Songs auf »Ekvilibrium«, und man hört ihnen an, dass eure Zusammenarbeit weit über rein professionelle Angelegenheiten hinaus geht. Was in seiner Stimme hat dich dazu gebracht, mit ihm zusammen arbeiten zu wollen?
    Ich hatte einfach so ein Gefühl, – und dich glaube, ihm ging es genauso – wir könnten etwas Aufregendes und Frisches zusammen schaffen, obwohl oder gerade weil wir ziemlich verschieden sind. Ich bin ein großer Fan von Wills Musik und auch von seiner Person. Ich mag einfach einzigartige Typen, und er ist so einer. Ich wollte ja nicht bloß eine Stimme, um eine Stimme zu haben. Das gilt auch für Dawn McCarthy von Faun Fables und J. Walker, die auf dem Album ebenfalls gesungen haben.

Die Platte erscheint auf Bedroom Community. Hattest du schon die Idee, auch mal ein eigenes Album zu veröffentlichen, als du im vergangenen Jahr mit der Label-Arbeit losgelegt hast?
    Ja, das war einer der Gründe, die mich überhaupt zu dem Schritt bewegten, ein Label zu gründen.

Was ist die Idee hinter Bedroom Community?
    Ich sehe das Label als eine Plattform im weitesten Sinne für die Künstler, die jetzt auf Bedroom Community veröffentlichen: Nico Muhly, Ben Frost und ich können uns gemeinsam entwickeln, unsere Musik veröffentlichen, zusammen arbeiten und wachsen, lernen, unsere Erfahrungen teilen. Wir bilden den Kern, denn wir sind alle drei eng miteinander befreundet und arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Wir begrüßen auch weitere Namen, wenn sie zu uns passen. Die nächste Veröffentlichung wird zum Beispiel ein Album voller alter, amerikanischer Folk-Songs, die ich gemeinsam mit Sam Amidon aufgenommen habe. Nico Muhly hat die Orchestrierung übernommen, und Ben Frost hat einige seiner Signatur-Sounds in den Mix gegeben. Es ist eine schöne Platte geworden, ganz anders als die bisherigen Sachen auf Bedroom Community, was mir als Stärke erscheint.

»Ekvilibrium« von Valgeir Sigurdsson ist bereits erschienen (Bedroom Community / Indigo)

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