Bugge Wesseltoft
Im
Text: Matthias Schönebäumer
Spotlight Norwegen: In schöner Regelmäßigkeit erreichen uns herausragende Jazz-Platten aus dem Land, dessen musikalische Leistungen leider immer noch an dem heidnischen Lärmkrempel einiger angemalter Verwirrten gemessen wird. Das Norwegen seit einigen Jahren als wichtiges Zentrum des europäischen Nu Jazz, der die Berührung mit elektronischer Musik und Noise-Experimenten nicht scheut, gilt, sei hier zum letzten Mal erwähnt. Nach Håkon Kornstads großartigen Auslotungen der Schnittpunkte zwischen Saxophon und Loops auf dessen Album »Single Engine«, kehrt mit Bugge Wesseltoft nun das Mastermind des skandinavischen Jazz an den Spieltisch zurück.
Nach ausgiebigen Exkursionen in die elektronischen Gefilde, bei denen ihm Produzenten wie Laurent Garnier und Matthew Herbert zur Seite standen, hat Wesseltoft mit »Im« ein glasklares Klavieralbum aufgenommen. Tatsächlich ist es erst die zweite Veröffentlichung in der Karriere des 43-jährigen Pianisten, bei der sich Wesseltoft allein auf den Klang des Flügels verlässt. Zwar kommen auf »Im« auch die gewohnten Loops und Soundschleifen zum Einsatz, allerdings geschieht dies wesentlich behutsamer und dramaturgisch eindrucksvoller als noch auf den Alben mit seiner Formation New Conception Of Jazz. Wesseltoft eröffnet die Platte mit »Black Pearl Makes Dream«, dessen erste Akkorde an Herbie Hancocks »Maiden Voyage« erinnern. Sehr bedächtig und fast schon ein bißchen zu zurückhaltend, lässt Wesseltoft kleine Melodiebögen einfließen, bis ein minimaler Beat einsetzt und sich das Stück langsam auffächert.
Schon nach wenigen Minuten wird das Konzept des Pianisten erkennbar: Melodien und vorhersehbare Songstrukturen treten zugunsten einer Stimmung zurück, die sich vor allem durch Stille und Andeutungen vermittelt. Wesseltofts Kompositionen gehen tief – als gelte es, unerforschte Klanglandschaften offenzulegen. Sehr konzentriert und punktgenau klingen Stücke wie »Amb« und das Titelstück »IM«. Beeindruckend auch die amtosphärische Dichte des Stückes »Wy«: Hier collagiert Wesseltoft Ansprachen George W. Bushs mit Geräuschfetzen von schreienden Menschen, Militärgebrüll, arabischen Stimmen. Plötzlich schält sich die Stimme einer Frau in den Vordergrund, die in fragmentierten Sätzen von gewaltsamen Übergriffen ruandischer Milizien berichtet. Darüber spielt Wesseltoft eine tieftraurige Melodie, die sich immer wieder zu fangen scheint, um dann doch wieder in einer eigenartigen Sprachlosigkeit zu verharren. Diese Ernsthaftigkeit geht nie verloren, auch wenn sich Wesseltoft hier und da kleinere Albernheiten und Banalitäten (das etwa belanglos dahin groovende »Joi«, allerdings waren die Vocals auf der vorliegenden Version noch nicht zu hören) leistet. Insgesamt ist es aber eine Wohltat zu hören, welche Nuancen Wesseltoft dem Klavier immer noch entlocken kann, ohne auf seine innovativen Ansätze verzichten zu müssen.
LABEL: Jazzland Records
VERTRIEB: Universal Music
VÖ: 19.10.2007

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