Sunn 0))) / Grave Temple / Burial Chamber Trio
Oracle / The Holy Down / Green LP
Text: Jens Balzer
Das kalifornische Duo Sunn O))) ist für seine Doom-Metal-Orgien berühmt. Stephen O’Malley und Greg Anderson komponieren ihre Musik aus langgehaltenen, mit elektronischen Mitteln geloopten, gepitchten und sonstwie manipulierten Gitarrendrones; dazu laden sie sich gern Gäste ein, die aus Erdhöhlen oder mikrofonierten Särgen dem Klangmulmuntote Geräusche aufpflanzen. Auf ihrem neuen Album »Oracle« ist es der ungarische Kunstgrunzer Attila Csihar, der die beiden klaustrophoben Drone-Sessions »Belülrol Pusztit« und »Orakulum« mit verzweifelten Wimmergeräuschen bereichert. Csihar wurde vor allem durch seine Zusammenarbeit mit der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem bekannt. So wirkte er auf deren legendärer 1994er-LP »De Mysteriis Dom Sathanas« als Sänger; auch auf dem aktuellen Mayhem-Werk »Ordo Ad Chao« ist er zu hören.
Csihar ist aber auch bei zwei Sunn O)))-Seitenprojekten zu Gast, die mit dem Gitarristen Oren Ambarchi durchgeführt wurden – einem sephardischen Juden irakischer Abstammung, der in Australien aufgewachsen ist und unter anderem für das Touch-Label einige Instrumental-Platten mit sehr leisen und sehr lauten Gitarrengeräuschen aufgenommen hat. Mit Stephen O’Malley und Attila Csihar hat er jetzt unter dem Namen Grave Temple das Album »The Holy Down« veröffentlicht; dabei handelt es sich um eine besonders klaustrophobe Drone-Session mit verzweifelten Wimmergeräuschen, die im Juli 2006 live in Tel Aviv eingespielt wurde – wenige Tage nach dem Beginn des letzten Libanonkriegs.
Mit Csihar und Greg Anderson betreibt Ambarchi hingegen das Burial Chamber Trio, das seine klaustrophoben Drone-Sessions mit verzweifelten Wimmergeräuschen jetzt erstmals auf einer Vinylplatte präsentiert; auf der edel gestalteten Hülle zeigt ein schwarz auf schwarz geprägtes Relief ein schönes Schädelgebirge. Bei den Konzerten des Trios tritt der Sänger wie eine frisch zu Tode gefolterte Leiche auf: Sein Körper steckt in einem grob gewirkten Sack mit lediglich einer Öffnung in Herzhöhe für die linke Hand, sein Gesicht verbirgt er unter einer wasserstoffblond-leichenweißen Perücke. Eine Drag Queen aus dem Reich der Toten: In der paradoxen Verschränkung von machistischer Metal-Romantik und masochistischem Wimmern enthüllt Attila Csihar gerade die verborgenen Effeminierungen dieser Musik. In dem travestitisch übertriebenen Krach von Sunn O))) und ihren Seitenprojekten geht es nicht mehr um das Ausleben von ›Härte‹, sondern um die Unmöglichkeit, angesichts dessen nicht ›weich‹ zu werden. Was bleibt, ist das Kreatürliche: die Angst vor dem Krieg, die Angst um das Ich, die Angst vor dem Schaden am Ohr.
LABEL: Southern Lord
VERTRIEB: Cargo Records
VÖ: 17.08.2007

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