Modeselektor
Happy Birthday!
Text: Florian Sievers
Krank. Crunk. Ill. Hiphop hat eine hübsche Palette von solchen Bewertungen parat. Abwertend ist das natürlich nie gemeint, im Gegenteil. Das Kranke, Kaputte, Spastische ist es schließlich, das einen schon beim bloßen Hören ins Schwitzen bringen kann. »You Be Illin’« hieß es mal bei Run DMC, »Licensed to Ill« bei den Beastie Boys, und »Cypress ’Ill« würden die Franzosen-Hiphopper TTC antworten, fragten die beiden Modeselektoren Gernot Bronsert und Sebastian Szary aus Berlin-Wedding sie nach gutem Kiffer-Rap. Mit gepflegten Krachwitzen ungefähr dieser Art sauen Modeselektor jedenfalls nun zum zweiten Mal die Tanzflächen dieser Welt ein. Geschenkt sei ihnen dabei der durchgerittene Gag, nach der Mutter-Hommage »Hello Mom!« beim ersten Album dieses zweite nun – weil sie beide simultan Vater werden – »Happy Birthday!« zu nennen. Man fragt dann auch nicht weiter nach, unter welchen Umständen genau diese Doppelschwangerschaft zustande kam. Und selbst wenn sie ihre nächste LP »White Wedding!« nennen und die letzte dann meinetwegen »Soundboy Burial!« – das hier ist es jedenfalls. Krank. Crunk. Ill.
Oder wie käme man bitte mit klarem Kopf auf die Idee, Anno Domini 2007 den verwelkten Bonzai-Hardtrance von Jones & Stephensons »The First Rebirth« als melancholische Breakbeat-Bleep-Hymne zu covern? Oder, noch besser, Otto von Schirach, den US-amerikanischen Krachgroßmeister mit dem Nazi-Nachnamen, ans Mikrofon zu stellen und ihn emotionslos Scooters »Hyper, Hyper« deklamieren zu lassen? Inklusive der Grüße an Marusha, DJ Dick, Hooligan and all the ravers in the world, versteht sich. Dazwischen detonieren immer wieder Ravegranaten oder schwelgen C64-Kindheitselegien, getoppt von spankgerockten Rapstimmen von TTC und den Puppetmastaz, von Paul St. Hilaires markantem Reggae-Genäsel oder von noch mehr Genäsel von, sieh an, Thom Yorke und Maxïmo Park.
Wie soll man diesen Irrsinn bloß nennen? Modeselektor selber bieten dafür ein paar Neologismen an: ›Eurocrunk‹, ›Continental Grime‹ oder ›Tech-Rap‹. Letztlich aber ist das hier ihre eigene Version, die Berlin-Wedding-Version also, von diesem freigeistigen Wahnsinn auf Miami-Bass- und Hiphop-Basis, der sich momentan überall auf der Welt manifestiert und der in Brasilien ›Baile Funk‹ heißt, in den USA ›Baltimore Club‹ und in UK ›Grime‹ oder ›Dubstep‹. Nur ist diese Clubmusik hier eben in Berlin geschmiedet und darum motziger, knarziger und technophiler als ihre Verwandten. Wedding-Funk-Step sozusagen. Gibt es dazu schon eine Szene? Einen Tanzstil? Eine eigene Mode? Zeit wird’s.
LABEL: Bpitch Control
VERTRIEB: RTD
VÖ: 07.09.2007

TwitThis
Facebook
Buzz
del.icio.us
Google Bookmarks
Digg
Ping.fm
FriendFeed
Yigg
MisterWong.DE
Technorati
Netvibes
MySpace
Identi.ca
StumbleUpon



