Phoneheads And The Düsseldorf Symphonic Orchestra

Live At Tonhalle

Text: Matthias Schönebäumer

Seit jeher gilt das klassische Orchester als Flaggschiff des großbürgerlichen Musikgenuss, der sich vor allem im romantischen Repertoire zuhause fühlt. Dass im Laufe der letzten zehn Jahre eine gewisse Bewegung in den subventionierten und hoffnungslos überalterten Betrieb gekommen ist, beweist ein ambitioniertes Projekt des Düsseldorfer Elektronik-Duos Phoneheads. Zum zehnjährigen Geburtstag schenkten sich Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter selbst ein Orchester, mit dem sie ihren Sound aus Breakbeats, Dub und Electro gemeinsam auf die Bühne brachten. Neu ist diese Idee selbstverständlich nicht: Dass die Symbiose aus elektronischer Tanzmusik und einem klassischen Orchester gelingen kann, hat bereits Jeff Mills mit seinem »Blue Potential«-Projekt bewiesen. Doch während Mills seine Herangehensweise in das für ihn typisch kopflastige Konzept einer quasi futuristischen Sounderforschung einbindet, geht es den Phoneheads offensichtlich um den reinen Spaß an der Grenzüberschreitung.

    Als Hintergrund für das Konzert wählten die Phoneheads die Düsseldorfer Tonhalle, in deren Foyer sie bereits ihr 2005 erschienenes Album »Buddy Language« live präsentierten. Zwei Jahre später steht das Duo auf der Bühne des großen Saals, eingerahmt von 45 Musikern der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Heike Beckmann. Die Komponistin versah die filigranen Breakbeat-Tracks der Phoneheads mit einem Orchesterarrangement, das nicht bloß als ergänzender Klangteppich funktioniert, sondern ein eigenständiges Vokabular entwickelt. Immer wieder entstehen Räume, in denen die einzelnen Gruppen ihre jeweiligen Trümpfe ausspielen können. So werden die kleinteiligen Beats nicht unnötig von Streichern überglasiert, da Heike Beckmann sehr genau ahnt, wann sich das Orchester zurücknehmen muss, um den treibenden Breakbeats der Phoneheads den notwendigen Platz zu lassen. Dennoch lässt sie auch dem Orchester ausreichend Möglichkeiten, die Beweglichkeit des Korpus herauszustreichen, was besonders im Opener »Second Sight« hörbar wird. An keiner Stelle des Konzerts hat man das Gefühl, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen und sich verbiegen müssen, um die unterschiedlichen Ansätze aufzufangen. Vielmehr erscheinen Orchester und Band als perfekt aufeinander abgestimmte Einheit, die sämtliche Berührungsängste hinter sich gelassen hat.

    Dafür sorgt auch die großartige Phoneheads-Band um Sänger Cleveland Watkiss, Pianist Volker Bertelmann, Bassist Frank Schwiklewski und Kante-Schlagzeuger Sebastian Vogel. Der dynamische Schlagabtausch zwischen Vogel und dem Paukisten der Symphoniker auf »Maracaneses« gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Konzerts. Leider lässt diese Spannung mit fortschreitender Dauer des Konzerts etwas nach, was auch daran liegen mag, dass das Ausgangsmaterial der Phoneheads nicht über eine gewisse Gepflegtheit, die man vorsichtig mit stilvoller Langeweile verwechseln könnte, hinauskommt. Etwas waghalsiger hätte das Duo durchaus auftreten können. Das tut jedoch der Spielfreude aller Beteiligter keinen Abbruch.

    Die Lockerheit im Umgang mit dem großbürgerlichen Kontext ›Konzertsaal‹ wird besonders auf der beiliegenden DVD deutlich. Vollkommen ungezwungen und gelöst bewegen sich die unterschiedlichen Herangehensweisen aufeinander zu. Zwar dauert es eine Weile bis auch die Orchestermusiker aus ihrer hochkulturellen Starre erwachen, dann aber ist ihnen der Spaß deutlich anzusehen: Wenn Maiburg und Scheibenreiter Bassfrequenzen und Breakbeats durch den rappelvollen Saal schicken, nicken selbst gestandene Hornisten mit Vollbart im Takt. Diese gelöste Stimmung ist zu großen Teilen Heike Beckmanns Dirigat zu verdanken, die das Orchester mit viel Übersicht und großem Gespür für den Sound der Phoneheads leitet, ohne auf herrisches Thielemann-Getue zurückgreifen zu müssen. So ist es auch ein großer Genuss mitanzusehen, wie wieder mal ein Graben geschlossen wird. Und sei es nur der Orchestergraben.

LABEL: Infracom

VERTRIEB: Soulfood

VÖ: 19.10.2007

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