Henrik Schwarz

Live

Text: Carlos de Brito

Henrik Schwarz ist live ein Erlebnis. Die Bühnenshow beschränkt sich zwar auf einen Mann, der beim Lesen seiner Emails wild an Knöpfen dreht und scheinbar konstant von Stromstößen erwischt wird – aber das ist schon mal mehr als bei manch anderen Laptopmusikern. Seine Bewegungen greifen innerhalb kürzester Zeit auf das Publikum über und intensivieren sich dort zu einem kollektiven Rausch, der durchgängig und bis zum Ende des Auftritts auch so bleibt. Diese Erfahrung konnte und kann man immer mal wieder an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt machen – jetzt gebündelt auch Zuhause.

    ›The Schwarz‹, wie der gebürtige Ravensburger und Wahl-Berliner mittlerweile ehrfürchtig im Ausland genannt wird, hat für seine erste offizielle Live-CD sechzehn verschiedene Stücke von sechzehn verschiedenen Auftritten rund um den Globus verteilt digital in einen durchgängigen Mix gegossen, der wie ein durchgehender Mitschnitt eines Auftritts klingt. »Endlich!« werden viele Fans denken, denn 2005 gab es bereits schon einmal eine Live-CD, die allerdings nie in den Handel gekommen ist. Sie war nur als Geschenk für Freunde und Geschäftspartner gedacht. Kollege Gerd Janson hat damals mit seiner Rezension in der Groove nicht nur mich auf eine vergebliche Suche geschickt.

    Ähnlich wie bei seinem hoch gelobten DJ-Kicks-Mix beginnt dieser Trip hier auch mit einem Jazz-Stück. Dort Moondog, hier Sun Ra mit »Lullaby For Realville« in Schwarz’scher Klangsignatur. Eine Signatur, die im Jazz, Funk und Soul fußt und in den House- und Technokontext transportiert wird, ohne die wesentlichen Bestandteile zu verlieren, aber auch ohne sich zu verdaddeln. Weshalb auch Schwarz es schafft, disparate Szenen auf einem Dancefloor zusammen zu bringen. Der mitunter immer noch geäußerte Vorwurf, er kopiere lediglich einen Sound, den Kenny Dixon Jr. alias Moodymann und Theo Parrish geprägt haben, greift ins Leere. Seine Produktionen sind eindeutig als seine zu erkennen und als Live-Act – bei aller Liebe zu den beiden Detroiter Heroen – hat er sie bereits links überholt.

    Live klingen seine sorgfältig produzierten Stücke noch einen Tick rougher und perkussiver; Effekte, Loops und Filter kommen hier verstärkt zum Einsatz. Daraus entsteht ein sehr lebendiger und flüssiger Mix, der hier behutsam mit seinen Remixen für Kuniyuki und Mari Boine soulful anrollt, sich unter anderem mit »Where We At?« (seiner Kooperation mit Âme und Dixon) und eigenen Stücken wie »Leave My Head Alone Brain« ins Housige steigert und schließlich mit »Jimi« in leicht säurigem Techno kulminiert. Mit ein paar unveröffentlichten Stücken wie seiner Bearbeitung von Mandrills Funk-Klassiker »Mango Meat«, James Browns »It’s A Man’s World« und Dark Atoms’ feat. Boy George »Atoms« sind zusätzlich noch ein paar Schmankerl dabei. Wenn Ricardo Villalobos’ Fabric-Mix gerade als verkapptes neues Album rezipiert wird, dann ist – wenn man so will – »Live« Henrik Schwarz’ Debüt-Album – getarnt als Mix seiner live aufgenommen Stücke und Remixe. Und was für eines. Uneingeschränkte Empfehlung.

LABEL: !K7 Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 28.09.2007

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