Tourtagebuch

In der Rubrik »Tourtagebuch« berichten Künstler von ihrem aktuellen Tourgeschehen. In dieser Ausgabe spricht Sam Prekop, Texter und Sänger der Chicagoer Indie-Band The Sea And Cake, von der vergangenen Deutschlandreise. Das Protokoll führte Michael Lutz.

The Sea And Cake

Die Hofanlage des Kölner Kunstwerks bzw. des Gebäude 9.

(Foto: © Sam Prekop / SPEX)

Egal ob in den USA oder in Europa: Immer wenn ich Chicago mit meiner Band The Sea And Cake verlasse und auf Tour gehe, fotografiere ich. Meist in Schwarzweiß. Orte, die wir kreuzen. Viele Aufnahmen gefallen mir nicht, denn ich lasse mich oft ablenken. Motive sind für mich immer wieder die vorbeiziehenden Landschaften während der langen Überlandfahrten, leere Straßenzüge in den Innenstädten, ergraute Häuserkomplexe in den Vorstädten. Bei dieser Art des Fotografierens fühle ich mich oft wie ein Maler. Trotzdem sind die Bilder auf eine Art dokumentarisch, denn sie zeigen reale Orte: Die Restaurants und die Hotels, die Tankstellen, die Fassaden der Venues, in denen wir Abend für Abend Konzerte geben. Aber die Bilder sehen nicht wie die üblichen Souvenirfotos einer Rockband aus, weil ich immer diesen abstrakten Auschnitt wähle.

    An der Fotografie fesselt mich, dass ich zu jeder Zeit etwas habe, über das ich nachdenken kann. Ich kann damit die Stunden im Van, das ständige Warten zwischen Soundcheck und Auftritt mit einer Aufgabe überbrücken. Ich fotografiere jetzt schon seit Jahren, und ich stelle fest, dass sich mein Blick auf die Welt verändert hat, als schaute ich unentwegt durch den Sucher einer Kamera. Wenn man die Welt so betrachtet, findet man mit einem Mal überall Motive, selbst in scheinbar gewöhnlichen Situationen. Und dann ist da natürlich das Licht: Das Licht ist nicht überall auf der Welt gleich. In Russland scheint eine andere Sonne als in Chile. In Deutschland ist es oft grau, manchmal trübe und diesig, ganz ähnlich wie zu Hause in Chicago.

The Sea And Cake

Der deutsche Wald, wie Sam Prekop ihn sieht.

(Foto: © Sam Prekop / SPEX)

    Als wir in Hamburg und Berlin spielten, machte ich mich in den wenigen freien Stunden auf die Suche nach Fotografien von Arnold Odermatt, einem von mir verehrten Schweizer Fotografen, der seine Karriere als Polizeifotograf begann. Das Artwork der letzten Tortoise-Veröffentlichung »A Lazarus Taxon« stammt von ihm. Die darin verwendeten Fotos zeigen in verstörenden Schwarzweißaufnahmen Autounfälle in Tunneln. Odermatts Bilder, die von einer bizarren Harmonie geprägt sind, wurden schon oft in der Berliner Galerie Springer & Winckler ausgestellt, leider aber nicht an dem Tag, als wir in der Stadt waren.

    Berlin war unsere letzte Station in Deutschland. Wir haben dort ein fantastisches Wiener Schnitzel in einem kleinen österreichischen Restaurant gegessen. Meiner Meinung nach haben wir in Berlin die beste Show unserer Tour gespielt. Das Lido in Kreuzberg ist ein toller Ort für Konzerte. Die Größe ist genau richtig, ich mag diese altertümliche Ballroom-Atmosphäre und die hohen Decken.

    John McEntire konnte auf dieser Tour leider nicht dabei sein. Zeitliche Gründe hielten ihn davon ab. Das war für das Publikum zunächst etwas verwirrend, da John unserem Ersatz-Drummer Ryan Rapsys ziemlich ähnlich sieht. Unsere anfänglichen Bedenken, die Fans könnten enttäuscht sein, weil John nicht mitgekommen war, haben sich gottseidank nicht bestätigt. Im Gegenteil: Sie schlossen Ryan in ihre Herzen. Das war wunderbar.

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