Flying Lotus

Reset

Text:

Große Namen in der Familie können Fluch und Segen zugleich sein. Ständig wird man mit den ollen Verwandten verglichen. Gleichzeitig können einem berühmte Familienmitglieder auch Türen öffnen – öffentliches Interesse und Ansehen sind von Anfang an garantiert. Beatbastler Steven Ellison alias Flying Lotus hat so gesehen Glück im Unglück: Als Großneffe der Jazzlegende Alice Coltrane und Cousin von Ravi Coltrane (dem gemeinsamen Sohn von Alice und John Coltrane) müsste er eigentlich einen enormen Rucksack schultern, doch erstens ist seine Linie im Coltrane-Stammbaum keine direkte, und zweitens hat er sich seine ersten Meriten als heißer Jungproduzent, der rotzigen Hiphop und knackige Elektronik zusammenlötet, verdient, ohne dass dabei ständig auf seine berühmten Verwandten verwiesen worden wäre. Die lobenden Stimmen zu seinem Albumdebüt »1983«, erschienen Ende letzten Jahres auf Plug Research, kamen jedenfalls meist ohne den Hinweis auf Alice Coltrane aus. Die Verwandtschaft kursierte zunächst nur als Gerücht im Internet.

    Dabei hätte eine Assoziation mit den astro-futuristischen und freien Arbeiten der Großtante durchaus vortrefflich gepasst, denn schon auf seinen ersten Beat-Tapes wurde deutlich, dass Steven Ellison gerne mit Science-Fiction- und Videospiel-Sounds arbeitet und Hiphop mit einer trockenen und grobkörnigen Produktion dort abholt, wo er zuletzt bei Freigeistern wie Dabrye, J Dilla, Sa-Ra, Prefuse 73 und Madlib gesehen wurde. Seine Produktionen fanden sich dann im Laufe dieses Jahres unter anderem in Modeselektors »Boogy Bytes«-Mix und auf Gilles Petersons »Brownswood Bubblers Vol. 2«-Compilation wieder, zusammen mit seinen superben Remixen für Mia Doi Todd, Dabrye und Kelis empfahlen diese ihn für einen weiteren Schritt nach vorn: Warp.

    Mit »Reset« ist Flying Lotus’ Marschrichtung explizit benannt – ein Neustart sollte es sein. Musikalisch macht er trotzdem da weiter, wo er zuvor gelandet war. Ein Glück. »Tea Leaf Dancers« ist ein atmosphärisch dichter Kopfnicker mit Soul, Gleiches gilt für das instrumentale »Massage Situation«. »Vegas Collie« und in noch größerem Maße »Spicy Sammich« sind hingegen düstere und grobe Tracks, die mit krankem Beatgerüst und jeder Menge aufgekratzten Sounds auch manche musikalisch offenen (MF)Doom-Metal-Fans begeistert dürften. Das finale »Dance Floor Stalker« hingegen ist ein psychedelisch-wehmütiges Elektrostück, das diese kurze, aber feine EP wunderbar abschließt und die Messlatte für sein kommendes Album noch ein Stück weiter nach oben rückt – es könnte ein großer Wurf werden.

LABEL: Warp Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 05.10.2007

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