St. Vincent
Marry Me
Text: Dennis Kastrup
In einem Interview hat Annie Clark alias St. Vincent über ihre zweijährige Vergangenheit bei The Polyphonic Spree auf die Frage, ob man Druck spüre, wenn man immer fröhlich sein müsse, geantwortet: »Für mich war es so lange fröhlich, bis es wahnsinnig wurde. Wenn ein Lächeln zu einer gruseligen Grimasse wird.« Zum Glück hat sie sich mit dem Solodebüt »Marry Me« jetzt demaskiert. Das aufgesetzte Lächeln darf der wahren inneren Befindlichkeit weichen.
So sieht man sie beispielsweise in Videos vor der Kulisse der Manhattan-Bridge in einem Zimmer spielen, Clark und die Gitarre zelebrieren Initimität vor dem fließenden Strom der anonymen Großstadt. Dieses Bild lässt vermuten, dass sie alle ihre Stücke zu Hause auf der Gitarre geschrieben hat. Würde man ihr das Instrument nehmen, bräuchte sie wohl ein paar Minuten, um wieder aus ihrer Traumwelt aufzuwachen. Intensivität macht ihre Musik unantastbar. St. Vincent ist gedankenversunken ohne in überzogener Sentimental-Lächerlichkeit unterzugehen.
Dieser Eindruck geht auch nicht verloren, wenn sie Bass, Piano, Orgel, Moog, Synthesizer, Clavietta, Xylophon, Vibraphon, Dulcimer (eine Art Zither), Schlagzeug, Triangel oder das Beat-Programmieren wie auf dem Album selbst in die Hand nimmt, die Stücke damit verziert und ihnen gleichzeitig zu atmen die Freiheit lässt. Eine wichtige Eigenschaft, die wohl auch David Bowies Langzeit-Pianist Mike Garson kennt: Zusammen mit Brian Teasley von Man Or Astro-man? hat er Clark bei einigen Stücken unterstützt. Die Musik ist eine unberechenbar raffinierte Melange dezenter Gitarren-Akkorde und klassischer Kompositionen von Musical-Popmelodien. Dazu wird teilweise im Chor gesungen und mit Blues-, Folk- oder auch Jazz-Einflüssen immer wieder die Struktur der Stücke durchbrochen. Dabei klingen ihre Stücke nie zerfasert, im Gegenteil: alles greift elegant ineinander. Clarks facettenreiche Sopranstimme agiert stets als charismatischer Dirigentenstab und hält so »Marry Me« zusammen.
Ein angenehm unabhängiges Album, das sich sanft jenem Genre entzieht, das eigentlich für sich die Unabhängigkeit im Titel beansprucht: der Independent-Musik.
LABEL: Beggars Banquet
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 07.09.2007

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