Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache

Wie tief muss die Auseinandersetzung mit einem Song schürfen, bis so etwas wie eine ›eigene‹ Kunstsprache zum Vorschein kommt? Warum reicht das vorhandene Vokabular an Sprache, Syntax und Stilen nicht immer aus, um im Song eine eigene Identität formulieren zu können? Was macht einen Song zu einem genuinen Ausdruck einer Persönlichkeit und somit zu etwas über die eigene Zeit hinaus Weisendem? Ist Songsprache zwangsläufig informiert von ausgiebiger Beschäftigung mit Literatur?

    Im fünften Teil der Kunstsprache-Reihe kommt Max Müller zu Wort: Er ist Sänger der Berliner Band Mutter, die derzeit an einem neuen Album arbeiten. Seine existentialistischen, mitunter schmerzhaft abgründigen, nie auch nur ansatzweise ironischen Texte haben eine ganze Avantgarde von deutschsprachigen Sängern – darunter Jochen Distelmeyer, Jens Friebe und Tobias Levin – nachhaltig geprägt.

    Bereits in den frühen Achtzigern veröffentlichte Max Müller, 44, mit seinen Bands Die Honkas und Campingsex wegweisende Schallplatten. Schon damals war für ihn klar, dass er  ausschließlich in seiner Muttersprache singen würde: In einer fremden Sprache zu texten hieße für ihn, sich entscheidender Ausdrucksmittel zu berauben. Trotzdem haben weder Mutter noch Max Müller je den Erfolg gehabt, den sie verdienen. Ein Grund mehr, miteinander zu sprechen.

MaxMuellerIch hatte ziemlich früh das Bedürfnis, mich mit meinen eigenen Worten auszudrücken. Ich gründete 1980 Die Honkas, meine ersten Texte schrieb ich mit 16 – das war lange vor Campingsex und Mutter. Vom ersten Moment an war für mich klar, dass ich in deutscher Sprache texten muss. Mich auf Deutsch auszudrücken, empfand ich als folgerichtig: Mit der Gründung meiner Band hatte ich mir die Möglichkeit geschaffen, Gehör zu finden. Warum sollte ich also die Aussage dadurch verwässern, dass ich in einer mir fremden Sprache singe?

    Es gab Vorbilder. Ich erinnere mich ganz genau, dass ich damals ganz bewusst und zielstrebig in den Plattenladen gegangen bin, weil ich mir die Platte »Alles klar auf der Andrea Doria« von Udo Lindenberg kaufen musste. Udo Lindenberg war damals das erste mir bekannte Beispiel von funktionierender deutscher Sprache in der Musik. Udo Lindenberg hinterließ in mir den Eindruck, dass es total einfach sei, auf Deutsch zu texten. Wie bei anderen großen Textern auch, war es ja Lindenbergs großes Verdienst, dass das Schwere bei ihm so leicht und einfach wirkte. Hätte es kompliziert gewirkt, wäre ich vielleicht nie selbst zum Sänger geworden. Ich dachte ganz naiv: Da ist keine Schwere zu spüren, das kann ich auch.

    Ich war nicht der Einzige, der Deutsch gesungen hat, aber viele derer, die um mich herum waren, begannen Deutschpunk-Texte gegen Bullen zu singen – zum Beispiel Daily Terror. Ich wusste sofort: Das ist nicht meine Welt. Ich wollte abseitige Texte schreiben, auf die sonst niemand kommen würde. Ein Kriterium war für mich die Distinktion. Wenn ich bei einem Text das Gefühl hatte: So schreibt keiner außer mir – dann war ich auf dem richtigen Weg. Wir wollten mit den Honkas anders dastehen als alle anderen.

Das hat sich bei der Arbeit mit meiner zweiten Band Campingsex bereits verfeinert. Seitdem ging es mir darum, dass ich mit meinen Texten nichts mehr umschreiben wollte. Ich wollte keine Metaphern, ich wollte nichts durch die Blume ausdrücken. Umschreibungen haben mich  gelangweilt, oder besser: Ich ahnte, dass diese Art zu texten nicht meine Qualität ist. Ich wusste eigentlich sogar ganz genau, dass ich keine schönen, lyrischen Texte verfassen kann. Eine schöne Blume war für mich eine schöne Blume. Ich schrieb und sang dann auch: »schöne Blume«. Mein Anliegen war, alles zu reduzieren, alles so zu beschreiben, wie ich es tatsächlich sehe. Ich versuche auch heute noch, dieser Maxime treu zu bleiben.

    Einerseits ist diese Art zu texten dokumentarisch, einfach, unmittelbar. Dann wiederum kommt eine Ebene der Abstraktion hinzu. Als ob die Leute einfach nicht wahr haben wollen, dass da einer eins zu eins meint, was er sagt. Immer wieder erlebe ich es, dass ich in Interviews oder in Gesprächen Interpretationen meiner eigenen Texte erzählt bekomme. Das sind teilweise ganz schön absurde Geschichten, die ich dann höre. Mir wird dann erklärt, wen ich mit bestimmten Personen gemeint hätte, welche politischen Positionen ich in Frage stellen würde und dass ich ja wohl die Problematik total genau auf den Punkt getroffen hätte. Keine Widerrede möglich.
    Tatsächlich ging es in dem Song aber um etwas völlig anderes. Ich möchte hier aber nicht falsch verstanden werden: Ich halte es generell schon für eine Qualität von Texten, wenn sie dem Hörer mehrere Rezeptionsebenen anbieten.

    Manchmal denke ich, dass die Hörer deutschsprachiger Musik mittlerweile so konditioniert sind, dass sie in jedem Text tiefe Bedeutungsebenen suchen, es für sie unvorstellbar ist, wenn einer nur davon singt, dass es ihm gut geht oder er jeden Tag an der gleichen Bushaltestelle herum steht. Die Hörer suchen geradezu nach einer Chiffre, die es aber im Zweifelsfall gar nicht gibt.  Natürlich finde ich das toll und gar nicht verkehrt! Ich sage ja auch zu jeder Theorie, die mir in einem Gespräch entgegengebracht wird, immer: »Genau so habe ich es gemeint! Stimmt! Du hast völlig Recht!« Ich bin selbst genauso verfahren: Wenn ich mir damals englische Punk-Singles angehört habe, erfand ich auch meine eigenen Inhalte, einfach, weil ich gar nicht verstand, worüber die da sangen. Wenn Musik und Gesang die richtige Energie haben, dann muss man auch nicht lange nach Sinn suchen. Finnische Bands können ja auch toll sein, ohne dass man die Texte versteht.

    Auf unseren Konzerten bekam ich dann mit, dass sich das Publikum von Campingsex und später dann von Mutter für meine Art zu texten interessierte. Die teilweise absolut positive Resonanz, dass mir Leute sagten, solche Texte hätten sie ja noch nie gehört, das hat mich total bestärkt. Es hat mich vor allem deswegen bestärkt, weil die Leute auf Texte reagierten, die mir total leicht von der Hand gegangen waren: Das war meine Sprache, das war ich. Vermutlich wäre ich aber genau den gleichen Weg gegangen, wenn ich viel Ablehnung erfahren hätte.

    Ich habe immer das Gefühl, dass meine Mittel sehr begrenzt sind. Manchmal denke ich, dass ich, könnte ich Gitarre spielen oder wirklich gut singen, vielleicht nie solche Texte geschrieben hätte, mir selbst nie so nahe gekommen wäre, einfach, weil ich abgelenkt worden wäre von meinen  anderen Talenten. Mit Sicherheit hätte ich viel mehr kopiert, statt nach einem ursächlich eigenen Ausdruck zu suchen. Ich war gewissermaßen immer gezwungen, aus mir selbst zu schöpfen und das Beste daraus zu machen. Erst viel später ist mir aufgegangen, dass das, was ich an Udo  Lindenberg so geschätzt habe, auch auf mich zutrifft, dass eben nicht jeder solche einfachen Dinge singen kann. Gerade einfache Aussagen können falsch gesungen schnell scheiße klingen oder zumindest total dumm. Entscheidend ist wie immer der Kontext der Musik. Nehmen wir einen Text wie »Guten Morgen« meiner Band Campingsex von unserem Album »1914«: Die Musik und der Text sind komplett gegensätzlich. Ein schöner Text, dem eine dissonante, krachende Musik gegenüber steht. Ich habe aber auch schon grausame Texte geschrieben, die in harmonischer, schwelgerischer Musik aufgehen. Ich war immer der Überzeugung, dass solche Gegensätze, wenn sie richtig zusammen montiert werden, wunderbar harmonieren. Meine Texte sind in diesem Sinne immer zur Musik entstanden, ich habe sie immer als Gegenpol zum Sound gesehen. In der Summe musste es Sinn ergeben.

    Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass ich, wenn ich einen Text schrieb, immer schon die Musik im Kopf hörte. So genau, dass ich sie meiner Band im Grunde bereits erklären konnte.


    Du wirst von allen relevanten Sängern dieses Landes geschätzt – Jochen Distelmeyer nennt dich als großen Einfluss. Fast widersprüchlich wirkt es da, dass du vom Markt nie die Anerkennung bekommen hast, die sich für andere auch finanziell ausgezahlt hat. Ist es so, wie es dein Bruder Wolfgang in der ersten Folge der »Kunstsprache«-Reihe formulierte, dass man »Erfolglosigkeit in Kauf nehmen muss, weil die Grundbedingung für künstlerische Textarbeit die Rücksichtslosigkeit ist«?

    So habe ich tatsächlich nie gedacht. Ich schreibe ja nicht, damit ich erfolglos bin. Ich war immer fest davon überzeugt, dass meine Musik und meine Texte Gehör fi nden werden. Und in gewisser Weise ist es ja auch so gekommen. Trotzdem glaube ich, dass man in meiner Position Erfolg nicht planen kann. Man kann nur bis an die Schmerzgrenze versuchen, ehrlich zu sich selbst zu sein – interessanterweise ist die Sprache Träger einer solchen Vorgehensweise. Egal ob bei den Honkas, bei Campingsex, unter eigenem Namen oder bei Mutter: Ich habe nie zynische oder sarkastische Texte geschrieben. Ich war nie ironisch und habe mich nie über andere lustig gemacht. Ich habe oft das Gefühl, dass die Leute aber genau das wollen: eine Ebene der Ironie, die ihnen die Last von den Schultern nimmt, sich mit etwas ganz und gar Ehrlichem und Aufrichtigem auseinandersetzen zu müssen. Vielleicht hängt meine relative Erfolglosigkeit auch mit diesem Umstand zusammen.

Sprechen wir über deinen Song »Israel« von der heute vergriffenen Mutter-Platte »Komm«. Über dröhnendem, bis fast zum Stillstand abgebremstem Metal singst du über deutsche Schuld. Das ist für Popmusik ausgesprochen harter Stoff – somit erklärt sich die relative Erfolglosigkeit vielleicht doch recht einfach, oder?
    Der Text zu »Israel« ist eine Mischung aus mir und meiner Identität sowie aufgeschnappten Sätzen und Meinungen zu dem Thema. Ich gebe verschiedene Meinungen wieder – und trotzdem ist es ganz und gar mein Text. Zu einem Song wurde Israel für mich, weil mich das Thema schon seit langem beschäftigt hatte. Hinzu kam: Es gab 1990, als dieser Song entstand, niemanden, der je zuvor einen solchen Text geschrieben hatte. Die Einzigen, die sich mit dem Thema beschäftigt hatten, waren irgendwelche Nazis sowie Betroffenheitslinke. Ich wollte aber einen Song, der nicht aus einer linken und auch nicht aus einer rechten Position heraus erzählt, sondern aus einer persönlichen.

»Israel« ist einer der Signatursongs von Mutter. Und gerade aufgrund seiner persönlichen Perspektive hochpolitisch. Du singst: »Schuld, Unschuld / Schuld, Unschuld / (…) Die Lüge hat zwei Seiten / Die Wahrheit ist relativ / Wir sind verpflichtet, für die Schuld zu sühnen / Ich opfere mich für alles / Was in meinem Namen geschah / Vergib mir! Vergib mir! Vergib mir! / Denn ich begreife nichts wirklich / Israel! Israel! Israel! Israel« …
    Ich beanspruche eine radikale Freiheit der Sprache. Ich habe meine Platten aus guten Gründen bei Alfred Hilsberg veröffentlicht, denn bei ihm hatte ich die Freiheit, solche Sätze zu  veröffentlichen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Leute heutzutage viel mehr Freiheiten haben als je zuvor, weil einfach niemand mehr genau hinhört, auch die Plattenlabels hören nicht mehr genau hin, was veröffentlicht wird. Aber statt diese Freiheiten zu nutzen, denken viele Künstler heute in vorauseilendem Gehorsam, überlegen, was sie ihren Hörern zumuten können. Das war für mich nie ein Kriterium. Ich meine: Mutter ist die einzige Band, die sich solcher Themen angenommen hat, obwohl es keine Zensur und keine Einschränkungen gab und gibt.

In diesem Sinne empfinde ich die heutige Zeit als viel, viel langweiliger und  unpolitischer als die Achtziger, über die sich ja heute viele lustig machen. Ich wollte mit meiner Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, die mich ja als Individuum ausweist, bis an die Schmerzgrenze gehen, anders sein als alle anderen. Übrigens ist »Israel« wahnsinnig gut angenommen worden. Sowohl die jüdische Gemeinde als auch unsere Hörer empfanden den Song nicht als beleidigend oder vereinfachend. Für das von der jüdischen Gemeinde Köln herausgegebene Fotobuch »Tabuzonen« über jüdische Friedhöfe in Deutschland wurde »Israel« statt eines Vorworts benutzt. Als ich das Buch von Annette Frick schließlich in den Händen hielt, war ich ganz überrascht, dass der Text auch ohne die musikalische Begleitung funktionierte.

    Auch »Michael Kühnen« von Mutter ist eher ein persönlicher denn ein politischer Song. Es wird ja eigentlich eine Geschichte erzählt – von einem schwulen Neonazi. Für mich war Kühnen aber zunächst einmal eine interessante, auf faszinierende Weise schwer greifbare Person. Ein Leben in totalen Widersprüchen: Neonazi und schwul, einerseits nicht total bescheuert, andererseits wahrscheinlich doch. Eine total schizophrene Person. Darüber einen Song zu schreiben, diese Widersprüche und dieses Leben in eine Form zu packen, das war für mich nahe liegend. Durch das Erzählen seiner Biografie hat sich der Song dann politisch enorm aufgeladen.

    Egal, ob ich heute mit Mutter oder unter eigenem Namen veröffentliche, achte ich immer darauf, dass diese Ehrlichkeit mir selbst gegenüber gewährleistet ist. Wenn dies gegeben ist, kann ich auch unpeinlich über eine Banane singen. Die Idee muss stimmen, die Sprache muss stimmen, dann wird es kompakt.

Für die Spex-CD dieser Ausgabe haben wir deinen Song »Wo lebst du heut?« ausgewählt. All das, was du gerade angesprochen hast – das Fehlen von Sarkasmus und Ironie, die einfache, aber sehr wohl eigene Sprache –, kommt hier zusammen.
    Das war auch die Idee hinter dem Song. Es sollte eine persönliche Notiz sein. Man sieht jemanden, man trifft jemanden, und plötzlich ist die Person weg. Diese Situation kennt ja jeder. Man hat vielleicht sogar etwas Gemeinsames erlebt, aber höchstwahrscheinlich wird man sich nie wieder im Leben sehen. Der Song handelt also davon, dass man sich überlegt, was dieser Mensch heute macht, wie er lebt, wie er sich kleidet, welches Buch er liest. Das ist eigentlich alles.

Schreibst du heute anders als früher?
    Ich habe heute einen Computer. Aber ich schreibe auch nach wie vor auf Zetteln. Auch schreibe ich nur dann, wenn es etwas zu schreiben gibt. Ich bin nicht wie Rainald Goetz, der jeden Tag schreiben kann. Bei mir käme da nur Schrott raus. Ich kann nicht auf Befehl oder ›weil ich doch schreiben kann‹ schreiben. Ich brauche schon ein Anliegen, und ein solches habe ich – oder habe ich eben nicht.


Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von Lowtzow, Kristof Schreuf, Antye Greie, Wolfgang Müller, Blixa Bargeld, Dendemann, DJ Koze. Aktuelle Veröffentlichung: »Mutter: Wir waren niemals hier«, DVD, Regie: Antonia Ganz, D 2005, 97 Minuten (Die Eigene Gesellschaft Filmproduktion / Absolut Medien)