Tiny Vipers

Hands Across the Void

Text: Simon Schneller

Ein Seenpanorama bei Nacht, dunkelblauer Himmel, im Hintergrund schwarze Berge, tiefschwarzer Wald. Im Vordergrund des Bildes kauert eine Frau am Ufer, eine Lichtquelle in der Hand haltend. Jesy Fortino liebt solche Aufnahmen von sich in der Einsamkeit: Jesy allein unter einer Baumgruppe in den Himmel blickend. Jesy auf einem bemoosten Stein am Froschweiher. Jesy in eine dicke Jacke gehüllt vor einer Schlucht. Es sind die perfekten Bilder zur Musik von Tiny Vipers, zu Songs wie »Campfire Resemblance«, »Forest On Fire« oder »Shipwreck«, die sich auf der Debüt-EP »Hands Across the Void« finden. Wüsste man nicht, dass die sieben Akustikstücke in einem kleinen Studio in Seattle aufgenommen wurden und wären nicht einige mit einem Uralt-Synthesizer verfeinert, man könnte meinen, sie wären wirklich live vor Ort eingespielt, irgendwo in der wilden Natur im Nordwesten der USA, der Heimat der 24-jährigen Musikerin, die seit zweieinhalb Jahren von einem Live-Club zur nächsten Bar zieht. Jesy allein mit Westerngitarre an einem See oder im Schneidersitz auf einem Baumstamm, konzentriert über ihre Gitarre gebeugt – solche Bilder sind es dann auch, die beim Hören der Platte wie eine Fototapete den Raum füllen.
 
    Die selbsterklärte Autodidaktin spielt dabei derart verträumt und in sich versunken vor sich hin, als hätte sie beim Einspielen die Anwesenheit des Tontechnikers gar nicht bemerkt. Sie nimmt sich alle Zeit der Welt, die man eben benötigt, um aus verirrten Gefühlen klare Gedanken werden zu lassen, Fragen zu formulieren, um eine Antwort heraufzubeschwören:: »If I would let you into my heart / would you thank the Lord / would you tear it apart?« heißt es etwa leitmotivisch in »Swastika«, das sich mit beinahe elf Minuten Länge und einer Unterteilung in drei Teile zum Folk-Epos auswächst. Doch das ist noch vergleichsweise wenig: Bevor Fortino als Tiny Vipers von Sub Pop unter Vertrag genommen wurde, veröffentlichte sie im Eigenvertrieb ihre CDs. Eine bestand lediglich aus einem einzigen Song von 30-minütiger Spielzeit.
 
    Von »Cute Girl Folk« ist im Zusammenhang mit Tiny Vipers immer wieder zu lesen, doch Fortino will genauso wenig ›cute girl‹ wie ›Female-Singer/Songwriter‹ sein, auf Genderfragen reagiert sie allergisch. Musik ist ihrer Meinung nach Kunst, nicht ›männlich‹ oder ›weiblich‹. Dennoch ist die Nähe zu Joanna Newsom natürlich weitaus größer als etwa zu Ryan Adams – nicht nur aufgrund der gleichen Frisur im Prinz Eisenherz-Stil.

LABEL: Sub Pop

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 27.07.2007

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->