Broken Social Scene Presents: Kevin Drew

Spirit If...

Text: Lina Brion

Broken Social Scene waren immer vor allem eins: ein Kollektiv. Das implizierte einen komplexen, opulent instrumentierten Sound, der einen in seiner Massivität lawinenartig zu überrollen vermochte, der aber auch Schicht um Schicht jedes Mal aufs Neue eine Unzahl an raffi niert verknüpften Details und wahnwitzigen Einfällen freilegte. Broken Social Scene vermittelten den Eindruck einer Einheit, obwohl vor Auftritten nie gewiss war, wer auf der Bühne stehen würde, und obwohl Überschneidungen mit anderen Bands aus dem Toronto/Montréal-Umfeld (Stars, Metric) wie auch hervorstechende Einzelkarrieren (Feist) zum Konzept dazuzugehören schienen. Kevin Drew indes ist eine der wenigen Konstanten des kanadischen Kollektivs. Die Stimme des Mitgründers ist zum unverwechselbaren Kernstück von BSS geworden.

    Nun erscheint mit »Spirit if...« ein Album, für das Drew allein verantwortlich zeichnet. Ein Alleingang ist es dennoch nicht geworden. Vielmehr sind Broken Social Scene zu einer Marke avanciert, ihr Name dient als Plattform. So ist dem Album die serielle Überschrift »Broken Social Scene presents:« vorangestellt, nach Kevin Drew wird im nächsten Jahr Brendan Canning folgen. Dass diverse Mitmusiker von Broken Social Scene auf »Spirit if...« involviert sind, wird niemanden verwundern, auch nicht, dass Drews Lieder keine Abkehr vom vorher Gewesenen darstellen. Das komplexe Opulente ist geblieben: Rock-, Klassik- und Synthie-Instrumentarium, undefiniertes Geräusch, Chorgesänge, Stimmungswechsel und der Spontaneität suggerierende Selbstläufer-Charakter der Stücke. Doch das Album verdeutlicht den Zweck, den die Serie vermutlich verfolgt: Aus dem Gewirr des Kollektivs wird ein Aspekt, ein Künstler, herausgegriffen. Drew konzentriert sich auf sich selbst, ohne die Gemeinschaft im Auge behalten zu müssen.

    Auf diese Weise entsteht ein aufmerksames Bewusstsein für das Einzelgeräusch, die Singularität des Instruments. Husten, kleine Lacher, gedankenverlorenes Summen. Das Scheppern und Klirren zerbrochenen Glases, ein spontan geklopfter Takt auf den Oberschenkel. Instrumente klingen zuweilen tierisch oder mechanisch, nach dem Gurren einer Taube, nach den Düsen eines Flugzeugs. »Farewell to the Pressure Kids«, das Eröffnungsstück, beginnt mit einem pompösen orchestralen Getöse, Drews Gesang wird durch den Verzerrer gepresst. Mit einem Mal folgt Innehalten, erschöpftes Keuchen, eine Ruhepause. Die Gitarren klingen versöhnlich, Drew atmet tief durch, mit einer neu gewonnenen Klarheit nimmt er den Gesang wieder auf. Dieses Motiv erscheint immer wieder: anschwellende Anspannung, Sperrigkeit, Druck –  anschließende Auflösung in gleitende Leichtigkeit. Als hätte es Drew schon unerträglich lang in den Fingern gejuckt, dieses Album aufzunehmen. »Spirit if...« als Erlösung.

LABEL: Arts & Crafts / City Slang

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 21.09.2007

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