Gravy Train!!!! / Rhythm King and Her Friends

All the Sweet Stuff / The Front of Luxury

Text: Jan Kedves

Freizeit, die Luxusware der Moderne. Wie man richtig mit ihr umgeht, bzw. wie sich das richtige Verhältnis zwischen ihr und der Arbeit finden lässt, mit diesen Fragen beschäftigen sich auf ihren neuen Alben zwei Gruppen, die man statt als Bands besser als gender-politische, queere  Musikprojekte bezeichnen sollte: Gravy Train!!!! aus Oakland, Kalifornien, und Rhythm King and Her Friends aus Berlin.

    Gravy Train!!!! (vier Mitglieder, vier Ausrufezeichen) halten es auf »All the Sweet Stuff« mit Spaßmaximierung: »Frat Party«, »Strip 4 Me« oder »Solo J/O« heißen ihre Stücke, sie singen »I drank 40 days, 40 nights without stopping«. Der Freak- und der Drop-out haben natürlich kompensatorische Funktion: Man hört Gravy Train!!!! noch stark die Frustration der Zeit an, in der sie im Call Center schufteten, als Überleben für sie also noch mit ›entfremdeter Arbeit‹ verbunden war. Die für alle Geldjob-Knechte gleich wichtige Frage, »Wutcha doin’ tonite?«, beantworten sie mit einem Besuch im Sexclub (»Club Situation«), wo der ultimative Anmachspruch lautet: »I’ll fill you in like an application«. Sogar beim anonymen Sex verfällt das gestresste Arbeitersubjekt von heute in Business-Sprech. Fasziniert von solch bezeichnenden Beobachtungen nimmt man gerne in Kauf, dass Gravy Train!!!! auch allerhand Queer-Klischees bedienen: Ihr Sounddesign ist trashig, ihre Performance exaltiert, die Outfits stammen aus dem ›bad taste‹-Fundus.

RhythmKingAndHerFriends    Um einen etwas anderen Übergriff zwischen Broterwerb und Privatleben geht es Rhythm King and Her Friends: Sie stellen schockiert fest, dass der Job sie bis nach Hause verfolgt. Dabei sollte doch gerade das Privatleben, die Freizeit, der Ort sein, an dem revolutionär queeres Denken und Sexhaben möglich wird! Linda Wölfel und Pauline Boudry reagieren angesäuert: Im »Work Song« (so etwas wie ein prekaristisches Arbeiterlied) singen sie »I thought I was just online working at home / but this fucking company moved in my house«. Zum Entspannen geht es in die »Queer Diskotek«, wo sich nebenbei auch noch über die italienische Autonomia-Bewegung diskutieren lässt, deren Gedankengut heute, wo tatsächlich laut über das Grundeinkommen nachgedacht wird, überraschend aktuell scheint. Autonomia wusste schon vor dreißig Jahren, dass wahrer Luxus keine Produktförmigkeit kennt, sondern nur in Form eines Lebens zu haben ist, in dem nichts und niemand zum Geldverdienen zwingt. Eine Avantgarde des Luxus  gewissermaßen, oder eben: »The Front of Luxury«.

    Natürlich vergessen Rhythm King and Her Friends trotz all der Belesen- und Reflektiertheit nicht, dass Musik in erster Linie auch Spaß machen sollte. Dass ihre Stücke diesbezüglich die Kurve kriegen, liegt nicht nur daran, dass sie sich auf »The Front of Luxury« wesentlicher beschwingter geben als noch auf ihrem ersten Album »I am Disco« (2004). Es hat auch mit dem Quietsche-Wave einer inzwischen im Rentenalter angekommenen Band aus Athens, Georgia zu tun, welcher Gravy Train!!!! ebenso huldigen. Tatsächlich listen beide Gruppen auf ihren Myspace-Profilen unter »Einflüsse« The B-52s an erster Stelle, und beiden kann man es anhören: Rhythm King and Her Friends vor allem in gesanglicher und textlicher Hinsicht, etwa wenn sie B-52s-Songtitel wie »Bouncing Off the Satellites« in ihre Lyrics einbauen (wie im Song  »Communicate«) oder gesanglich dem in merkwürdigen Intervallen gehaltenen Duett-Sirenengesang von Kate Pierson und Cindy Wilson nacheifern. Bei Gravy Train!!!! liegen die Parallelen eher in der Instrumentierung: Bisweilen erinnert sie an B-52s-Evergreens wie »Rock Lobster«, etwa bei »Wutcha Doin’ Tonite?«, einem Stück mit hysterisch überdrehtem Wave-Beat, wildem Melodie-Georgel und spacey Störgeräuschen. Das ist ein Sound, der sich ›Retro‹
schimpfen ließe, der aber vor allem gut dazu geeignet ist, dem in den Gravy-Train!!!!-Texten angelegten Imperativ des ›Let’s all freak out‹ den nötigen Punch zu verpassen.

LABEL: Cochon Records / Kitty-Yo

VERTRIEB: Cargo / Hausmusik

VÖ: 28.08.2007

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