The New Pornographers
Challengers
Text: Christian Rief
Mit Interpretationen sollte man aus guten Gründen vorsichtig sein. Sie verstellen gerne mal den Blick auf einfache Zusammenhänge. Vorstellbar ist es trotzdem, dass sich der Titel dieses Albums auf neue Ambitionen bezieht. The New Pornographers aus Vancouver drängen mit ihrem vierten Werk massiv in die Reviere bekannterer kanadischer Platzhirsche; Großprojekte wie Arcade Fire und Broken Social Scene sollten also auf der Hut sein.
Über die Vergangenheit dieser achtköpfigen Band kann ich nichts sagen; jeder hat seine Leichen im Keller, und vielleicht war es nur der etwas zu angestrengte Name, der mich bislang daran gehindert hat, mich mit den Pornographen näher zu beschäftigen. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass jener eine Moment der Aufmerksamkeit, der Karrieren forciert, der Band bislang verwehrt blieb: dieser eine Hit, die Gunst des Feuilletons, der magische Gig beim entscheidenden Festival.
Also auch ein Neustart der Hörgewohnheiten. Einer mit Anlauf, denn The New Pornographers reißen keine Wände ein. Weder entwickeln sie das Flair einer hippen, großstädtischen Rock-WG wie Arcade Fire, noch arbeiten sie an einer Weiterentwicklung von Rock als Langzeitexperiment wie BSS. Und vor allem: Sie besitzen – und dies bitte nicht als Negativkritik lesen! – nicht übermäßig viel Identifikationspotential. Andersrum: Der Abwechslungsreichtum ihrer im gröbsten Sinne an euphorischen Rocksongs orientierter Musik ist so enorm, dass sich klare stilistische Zuschreibungen verbieten. Wer Sufjan Stevens oder Spookey Ruben als Wegmarkierung nehmen will, bitte, muss aber nicht sein. The New Pornographers scheinen schlicht an einer möglichst umfassenden, alle Subgenres einschließendenden Perfektionierung des Begriffs Rock zu arbeiten und setzen dazu abwechselnd die Präfixe Indie-, Folk- oder Psychedelic- ein. Bereits die ersten beiden Songs zeigen die Wandlungsfähigkeit: »My Rights Versus Yours« mahnt mit seiner eleganten Melodieführung daran, mal wieder eine Prefab Sprout-Platte aus dem Regal zu ziehen, während das folgende »All the Old Showstoppers« als Bombast-Rock mit Country-Schlagseite abgeht. Dass sie damit auf dem New Pop Festival des SWR genau so abräumen könnten wie auf dem Southside, ist nur eine weitere Facette ihres hymnischen, euphorischen Sounds.
Und doch bleibt beim Hören dieser scheinbar einfach zu durchschauenden Platte lange unklar, warum »Challengers« solch eine mitreißende Wirkung entfalten kann. Das mit seinen schlingernden Gitarren und nachlässigem Gesang an die Pixies erinnernde »Myriad Harbour« hin, das überraschend mit straffem Northern Soul loslegende »Mutiny, I Promise You« her; die mit Mandoline, Glockenspiel, Tamburin, Streichern, Flöten, Trompeten und Banjo gespickten Soundwände hier, der dezente Rückgriff auf American Folk da und der unwiderstehliche mehrstimmige Gesang dort – den New Pornographers fehlt das, was in der Wirtschaft als Alleinstellungsmerkmal Grundlage des Erfolgs ist. Gerade wenn man sich der wunderbaren Sängerin Neko Case, durch Soloprojekte bekanntestes Mitglied der Band, bedingungslos hingeben will, schlittert der Song schonmal kurzzeitig in bedrohliche, Enya-hafte Gefilde ab. Doch das soll mich nur einen kurzen Moment lang stören, man muss verstehen, dass diese Band sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen lässt: Die Pornographers treiben sich mit Vorliebe auf dem Schrottplatz der Klischees herum, klauben sich an Riffs, Hooks und Breaks alles zusammen, was Verwertbarkeit verspricht und verschweißen diese Unmengen an altbekanntem Kram auf unwiderstehliche Art zu einem hochaktuellen Blueprint of Rock.
Selten erzielt Eklektizismus eine angenehmere Wirkung als auf »Challengers«. Möglicherweise ist genau das der richtige Weg, um in Zeiten musikalischer Stagnation für eine Form von Begeisterung zu sorgen, die einem nächstes Jahr vielleicht schon ziemlich rätselhaft sein wird. Bis dahin gilt: Das nächste Klischee ist immer das schönste!
LABEL: Matador / Beggars Group
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 24.08.2007

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