Christian Scott

Anthem

Text: Matthias Schönebäumer

Erstaunlich, wie sich die Bilder gleichen. Ein junger Mann, schwarz, cool und gutaussehend. Die Trompete lässig in die Kamera gestreckt. Nein, Christian Scott ist nicht Miles Davis, aber die Gesten des großen Vorbilds beherrscht er bereits perfekt. Als Absolvent des renommierten Berklee College of Music hat sich Scott zu einem der Hoffnungsträger des jungen Jazz entwickelt. Sein Debütalbum »Rewind That« wurde in den USA hoch gelobt und für den Grammy nominiert. Soviel Aufmerksamkeit bleibt nicht ohne Folgen: Auf dem neuen Album von Prince ist Christian Scott ebenso zu hören, wie bei Konzerten des Rappers Mos Def. »If anybody wants to keep creating they have to be about change« – dieses Miles Davis-Zitat hat sich Christian Scott für sein neues Album »Anthem« zu Herzen genommen. Er wechselte einige Musiker aus und holte sich den Bassisten und Produzenten Randy Jackson ins Studio. Die doch recht biederen Rap- und R’n’B-Anleihen des Vorgängers verschwanden, dafür lassen sich nun verstärkt Rock- und Fusionelemente ausmachen. Die konservative Jazz-Kritik nahm derartige Grenzüberschreitungen mit gewohnt blasierter Ablehnung zur Kenntnis. Auch das eint Christian Scott mit Miles Davis, dessen Experimente mit elektronischen Klängen Ende der Sechziger Jahre von Kritikern wie Stanley Crouch als Verrat am schwarzen Jazz-Erbe beschimpft wurde. Umso armseliger, dass diese staubigen Vorurteile wieder herhalten müssen, um ein wirklich gutes Album zu diskreditieren. Denn Scott ist beileibe kein radikaler Umstürzler. Sein Spiel besitzt auch nicht die glasklare Schneidigkeit des ›Prince of Darkness‹, dafür klingt sein Sound zu sehr nach den Einflüssen von Freddie Hubbard und Roy Hargrove. Die Stärke des Trompeters aus New Orleans sind die dunklen Nuancen, das fast schon suggestive Umkreisen der Skalen. Großartig, wie sich auf Songs wie »The Uprising« und »Cease Fire« die Texturen auffächern und Scott seinem Instrument ein Höchstmaß an Emotionalität entlockt. Diese bewegenden Momente sind natürlich auch seinen Musikern geschuldet, die neben ihrem musikalischen Leiter zwar recht konventionell, aber niemals belanglos klingen. Hervorzuheben sind hier vor allem der Schlagzeuger Marcus Gilmore und Tenor-Saxophonist Walter Smith III. Der Gesamtsound von »Anthem« ist transparent, fast schon episch, und steckt voller versteckter Grooves; stellenweise fühlt man sich an Carl Craigs Jazz-Projekt The Detroit Experiment erinnert. Allerdings fehlt den Kompositionen oft die nötige Portion Funk. So bleiben zahlreiche Songs recht skizzenhaft. Aber auch hier könnte ein Zitat von Miles Davis weiterhelfen: »Sometimes you have to play a long time to be able to play like yourself.«

LABEL: Concord

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 24.08.2007

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