Caribou

Andorra

Text: Christoph Braun

Sie nannten ihn Manitoba, bis Handsome Dick Manitoba kam, ein dummer Punkrocker, und merkwürdigerweise auch noch Recht bekam in seiner dummen Behauptung, kein Mensch dürfe sich Manitoba nennen außer ihm. Naja, Caribou ist auch schöner, der Name, der Typ, die Musik. Es ist erschreckend zu hören, dass Caribous erste beziehungsweise Manitobas zweite, also »The Milk Of Human Kindness«, in Deutschland wohl nur als Import zu haben war. Ich habe das 2005 gar nicht weiter mitgekriegt, hatte jedoch wirklich gute Gründe in anderweitigen Beschäftigungen. Einsteigen lässt sich aber auch so sehr gut, zwischen »Up In Flames« und »Andorra« liegen circa 1000 Plateaus, und das macht ein ganz anderes Rechnen als das in Jahren oder gar Schritten.

     Mit »Niobe«, dem letzten Track auf »Andorra«, lässt sich der Stand der Dinge wohl erklären. Eine Fläche wird da hörbar, aus der sich ebenso gut ein Eurodisco-Stampfer herausbollern könnte wie ein Post-Beach Boys-Song. Wenn Dan Snaith dann mit dem Singen anfängt, klingt er wie eine Prä-Rafaelitische Jungfrauen-Leiche, total eingebettet in die bunte, die schöne, die vergehende Natur des Flussbetts und der Wasserlilien. Verzückt und introvertiert singt Snaith seine auf-und abwärts fließenden Tonfolgen. Sie bauen Spannung auf und Spannung aus, und doch liegt hinter dem nächsten Break wieder nur das nächste Bergtal. Es kommt nicht zum Ausbruch wie noch auf »Up In Flames«.

    Dafür aber liegt der Ausbruch ab gut der Mitte des Tracks so sehr hinter jeder Note, hinter jedem Beckenzischen, dass ich nicht vergessen darf, zu atmen. Ebenso wie das rhythmische Zucken hat der Londoner Snaith inzwischen seine Noise-Spuren in jeden Part seiner Songs eingearbeitet, statt sie schön langsam vorzubereiten und dann in die Vollen der Geräuschkanone zu gehen. So entsteht eine psychedelische Musik zur Zeit, in der kaum noch auseinanderdividiert werden kann, was vom Multiinstrumentalisten Snaith per Hand eingespielt und was mit den Maschinen produziert worden ist. Echo und Delay nivellieren die feinen Unterschiede. Die Caribou-Melodien sind von zwingender Leichtigkeit. Es flackert.

LABEL: City Slang

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 17.08.2007

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

2 Kommentare:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Caribou:

    [...] den neuen Caribou-Track, im Gegensatz zu seinem vor zwei Jahren erschienenen Album »Andorra« scheint diese Platte deutlich auf den Dancefloor zu [...]

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Caribou:

    [...] mehr schreiben wollten: Mehr Soundforschung als noch auf dem letzten Caribou-Album »Andorra«, aber eben deutlich mehr von Electronica, Techno, House und Funk inspirierte Soundforschung. [...]

     
 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->