Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Kristof Schreuf

Die Fragen lauteten: Wie tief muss die Auseinandersetzung mit einem Song schürfen, bis so etwas wie eine ›eigene‹ Kunstsprache zum Vorschein kommt? Warum reicht das vorhandene Vokabular an Sprache, Syntax und Stilen nicht immer aus, um im Song eine eigene Identität formulieren zu können? Was macht einen Song zu einem genuinen Ausdruck einer Persönlichkeit und somit zu etwas über die eigene Zeit hinaus Weisendem? Ist Songsprache zwangsläufig informiert von ausgiebiger Beschäftigung mit Literatur?
    Im zweiten Teil dieser Reihe berichtet Kristof Schreuf (Brüllen, Kolossale Jugend) über seine Erfahrungswerte der täglichen Arbeit am Wortwerk. In den nächsten Wochen folgen: Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Antye Greie (Laub, agf), Max Müller (Mutter, Campingsex), Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), folgen werden Dendemann und DJ Koze (beide in Spex #310).

Kristof Schreuf sang und schrieb die Texte für die kurzlebige Kolossale Jugend aus Hamburg. Eine grandiose Platte veröffentlichte die Band 1989, sie trug den Titel »Heile, heile Boches«, eine zweite, »Leopard II«, folgte ein Jahr später. Die Kolossale Jugend markierte den historischen Beginn der später von dem Journalisten Thomas Groß als solche bezeichneten ›Hamburger Schule‹. Im Zentrum von Schreufs Textarbeit, auch in seiner zweiten Band Brüllen, stand die Suche nach einer präzisen Sprache, die imstande ist, die eigene Identität adäquat abzubilden – in seinem Falle eine abstrakte, verdichtete, manische.

Dass meine Texte vielen Leuten etwas bedeutet haben, ist mir erst Jahre später bewusst geworden. Das ist keine Koketterie. Ich war immer woanders als die Kolossale Jugend, ich war immer woanders als die Rezeption der Kolossalen Jugend, und ich war auch immer woanders als das Publikum der Kolossalen Jugend. Wir haben damals nicht vor Massen gespielt, sondern in kleinen Clubs, vor wenig Publikum. Für uns war es eine große Sache, als Vorband vor The Fall in Hannover spielen zu dürfen. Wir haben unser erstes Konzert im April oder Mai 1988 gespielt. Ich will nicht sagen, dass wir von der Bühne gebuht wurden, aber es war eine lächerliche Performance. Es gab dann später Leute, die sich geweigert haben zu glauben, dass diese vier Witzfiguren, die sie damals gesehen haben, die gleichen gewesen sein sollen, welche die Platte aufgenommen hatten.

    Ich empfand das Texteschreiben als sehr körperlich. Ich musste diese Texte mit Haut und Haaren schreiben. Ich habe es so erfahren, dass das Schreiben – egal ob Song, Artikel oder Buch – ein Gebiet ist, bei dem es so etwas wie Professionalität einfach nicht gibt. Erst wenn ich einen Song fertig geschrieben hatte, konnte ich sagen, warum er schließlich so und nicht anders ausgefallen war. Aber schon beim nächsten Text fing die Auseinandersetzung wieder bei Null an. Damals, als die Texte für die Kolossale Jugend entstanden, hatte ich nicht den Eindruck, dass ich jemals auf etwas hätte aufbauen können. Es gab keine Routine. Ich konnte nicht aus der Anwendung von gelernten Fertigkeiten schöpfen. Das war nicht drin. Das ging nicht. Ich war deswegen aber mitnichten spontan. Die Wahrheit ist ja eher, dass ich mich unglaublich angestellt habe. Die Texte wurden immer erst ganz spät fertig – so spät, dass die Band immer schon gereizt bis genervt war.

Das lag natürlich auch daran, dass es mir immer darum ging, das richtige, das exakte Wort zu finden. Nie ging es darum, sich zu verstecken. Es ging geradezu darum, Wort für Wort das richtige Wort zu finden. Es ging auch um Kraft und darum, die Worte kontrolliert zu bekommen. Ich wollte die Wörter unter Kontrolle bekommen, dass sie für mich die Wirkung haben, die ich gerne hätte.

    Wir sind ja schließlich nicht angetreten, um groß zu werden. Wir haben auch nicht gesagt, dass wir Rockstars werden wollten – selbst wenn wir vielleicht gar nichts dagegen gehabt hätten. So wie manche Leute keine Karriere machen, weil »Karriere« für sie eine Kategorie ist, über die sie gar nicht nachdenken. Und andere Musiker waren sowieso eher genervt von dem, was wir machten. Dabei hatten wir – anders als die Einstürzenden Neubauten – zu keinem Zeitpunkt das Ziel, andere bewusst zu nerven. Unser Nerven war gewissermaßen ein Unfall.

Wie kam es zu den Wortverdichtungen, die deine Texte von Anfang an ausgemacht haben?
    Trakl. Georg Trakl. Würde ich sagen. »Sebastian im Traum« und andere Gedichte, die dieser heroinsüchtige Apotheker geschrieben hat, der als Sanitäter am Ersten Weltkrieg teilnimmt, noch eine Schlacht erlebte, in Grodek, auch darüber ein Gedicht schrieb, und sich dann den Goldenen Schuss setzte. Trakl, der ein sympathisches Kindergesicht hatte und der, wenn ich das heute lese, in vielen Gedichten eher morbide Begriffe und sehr oft das Wort »Nacht« verwendete. Trakl hat mich in so einem typischen Alter, mit 15 oder 16, angeturnt. Mich hat aber auch der Anfang von dem Roman »Kontrolliert« von Rainald Goetz beeindruckt, wo er sinngemäß sagt: »Es ist 17:43 Uhr. Ich korrigiere mich: Es ist 17:43 Uhr und zehn Sekunden.« Das ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Von diesem Roman von 1987 kam ich zu den eigenen Zeilen: »Ich gehe, zähle jeden Schritt / Zähl auf, ich zähle jeden Schritt«.

    Es gab andere Momente, in denen ging es fast von selbst. Ich habe den Text zu »Bastard« in einer halben Stunde auf dem Rücksitz von Carol von Rautenkranz’ VW geschrieben. Damals ging das noch – etwas hinzuhauen. Das ging dann eben so, ein Wort folgte auf das andere, folgerichtig: »Schöner Freund gibt sich die Schelle / Hieb du hast den Mann gefällt / Der Rest vom Abend unter ferner liefen / Bald nicht mehr erinnern, bald nicht mehr / Platte steht für Zeit davor / Dass es aufgeht, Stein schlägt Schere / Schlägt Papier«. Diese Sprache entsprach dann mir.

Deine Texte waren elegante Texte, geprägt von einer Ökonomie der Form. Eine richtige Beobachtung?
    Danke. Eleganz war für mich tatsächlich eine Kategorie. Glaube mir aber, dass ich nicht die Fähigkeit oder das Talent habe oder über die Kraft verfüge, mich hinzusetzen und zu sagen: »Ich mache jetzt einfach etwas total anderes. Etwas total elegantes.« Ich bin eher davon ausgegangen, dass es Leute gibt, die ganz, ganz tolle Sachen machen – und an die gelange ich so oder so nicht heran. Ich dachte immer: Zu solch tollen Sachen, wie sie Blixa Bargeld gemacht hat – da komme ich nicht hin. Zu solch tollen Sachen, wie sie Tobias Levin von Cpt. Kirk &. gemacht hat – da komme ich nicht hin.
    Ich lebe von Begeisterung. Ich lebe von Bands. Ich lebe von Büchern. Ich lebe auch mal von einer Kunstausstellung oder einer Theateraufführung oder von bestimmten Worten, die Leute sagen. Ich lebe davon. Ich konnte daher sowieso nur an etwas Eigenem arbeiten. Ich hatte stets das Gefühl: Ich habe nur eine Möglichkeit – und die kenne ich noch nicht einmal. Ich kann nur versuchen, diese Möglichkeit, diese Nische zu finden. Ich wusste, dass es irgendeinen Ausdruck gibt. Aber würde es auch meiner sein? Bei meiner Sprache ging es klar um Rhythmus. Von bestimmten Dichtern oder Sängern sagt man ja, sie bräuchten nur ihren Mund aufzumachen, ihren Unterkiefer vorzuschieben, und dann könnten sie »ihre« Wörter rhythmisch über ihre Unterlippe lupfen. Für mich stellte sich hingegen stets die Frage, welches denn ›meine‹ Wörter überhaupt sein könnten? Die Frage nach der Identität. Wörter, zu denen ich stehen kann, Wörter, die ich singen kann, die ich sogar schreien kann.
    Bei meinen Texten für die Kolossale Jugend war es auch so, dass ich in so ein Nichts hineingegangen bin. Das Nichts war für mich aber keine depressive oder deprimierende, einengende Angelegenheit, sondern ein Freiraum. Ich empfand das Nichts als einen Ort, in den ich hineingehen und Ekstaseprodukte hinbekommen konnte. Die Texte für die Kolossale
Jugend sind rückblickend oft sehr kitschig und pathetisch in der Nacht entstanden: Kaffee trinken, viel Kaffee, keinen Alkohol und schon gar kein Bier, das macht matt. Und irgendwann, mitten in der Nacht, kommt dann dieser Punkt, an dem du einerseits schon zu müde bist, um dich vielleicht so zu konzentrieren, wie es dir um zwölf Uhr mittags möglich ist. Andererseits öffnet dich diese Müdigkeit aber, so dass du  zumindest diese Hoffnung spürst: Die Hoffnung, dass dein Bewusstsein dazu imstande sein könnte, anders zu arbeiten. Der Kaffee und die Müdigkeit waren meine Methode. Ich hatte ja keine andere Technik, die ich hätte anwenden können. Meine Erfahrung beschränkte sich auf ein paar Gedichtversuche aus meiner Jugend. Ich hatte zuvor keine deutschen Texte geschrieben – ich war vorher Sänger einer AC/DC-Coverband. Deutsche Texte zu verfassen war eine Anweisung vom Kopf der Band gewesen, von Pascal Fuhlbrügge, dem Gründer des Labels L’Age d’Or.

In meinen Texten ging es daher auch nie um Codes. Es ging nie um Rätsel oder Chiffren. Es ging tatsächlich immer um Klarheit, um die Findung von Identität. Und sei es nur von einer bestimmten Intensität. Befindlichkeit fand sich in meinen Texten beispielsweise überhaupt nicht. Ich habe das ja einmal über Tilman Rossmy geschrieben, er sei »befindlichkeitsfixiert«. Das hat man mir nachgetragen, dabei war es nur eine Beobachtung.

Damit sind wir beim Kern des Themas: Die gewohnten Formen hinter sich lassend, führen die Wörter zum Autoren.
    Ich hatte natürlich die Hoffnung, dass ich nicht auf einem bekannten Pfad lande. Aus dem einfachen Grund, weil jede Arbeit, die einen auf einen bekannten Pfad führt, überflüssig ist. Wenn der Pfad schon begangen ist, so selbstbewusst bin ich damals schon gewesen, dann muss ich ihn nicht ein zweites Mal begehen.

    Ich möchte aber zugleich behaupten: Das kann jeder. Jeder kann seine eigene Sprache finden. Die Frage ist nicht, ob einer Talent hat oder nicht, sondern nur, ob einer das macht. Von mir aus gehört ein gewisser Mut dazu, Formeln hinter sich zu lassen, das Eigene zu suchen. Das Eigene wiederum kann für Dritte unverständlich wirken – zunächst. In diesem Sinne waren meine Texte übrigens auch nie dAdA-Zitat. Richtig ist gleichwohl, dass es in meinen Songs nie eine wirkliche Dramaturgie gibt. Darauf habe ich es aber auch nie angelegt. Das haben andere gemacht, Bernd Begemann, Bernadette La Hengst … Bei denen gab es Anfänge und Enden.

    Ich habe mir vielmehr den Auftrag gegeben, eine Sekunde auf die Spitze zu treiben. Das musste sein. Das hat sich auch nicht geändert. Wenn wir also jetzt hier in diesem Raum sitzen, dann sage ich, dass ich oder du für diese Atmosphäre in diesem Raum Wörter absoluter Präzision finden können. Wir sind zwei Leute. Es ist Donnerstagabend, 19:12 Uhr. Es regnet nicht. Es herrscht Zimmertemperatur. Welche Farbe hat mein Hemd? Es muss eine Möglichkeit geben, diese Situation zu fassen. Mit einer Zeile. Das geht. Es geht unbedingt um Präzision und Genauigkeit.

    Ich würde in diesem Sinne sagen, dass meine Texte stillos waren – und dass es auch gar nicht anders ging. Ich hatte nicht die Option, zwischen verschiedenen Mundarten oder Textsprachen zu wählen. In der letzten Ausgabe der Spex fand sich ein Interview von Jutta Koether mit Martin Kippenberger. In diesem verweist Kippenberger darauf, dass er seine Kunst so gemacht habe, »wie es ihm entspricht«. Darum geht es am Ende des Tages.

Die Sprache der Kolossalen Jugend entsprach dir. Niemand hat deine Sprache aufgegriffen.
    Das ist vollkommen richtig. Aber das geht vielen so. Wir wissen alle, woran das liegt. Um aufgegriffen zu werden, braucht etwas eine gewisse Handlichkeit. Sagen wir: Die Handlichkeit einer Zeile von Dirk von Lowtzow. Eine gewisse Heraushörbarkeit von Melancholie im Leben. Als ich mit Brüllen getourt bin, spielten wir öfters mit anderen Bands. Darunter waren viele, die sahen aus wie Tocotronic, die machten Musik wie Tocotronic, die waren irgendwie Gesinnungsgenossen von Tocotronic. Oder von mir aus waren sie und sahen sie aus wie Die Sterne. Dagegen kann ich weit und breit niemanden sehen, der sich an Cpt. Kirk & und deren grandioser Platte »Reformhölle« oder an uns orientiert hätte. Offenbar kann man als Musiker oder als Hörer Bands wählen, wie andere Leute eine Partei. Manchmal habe ich den Eindruck, das funktioniert dann wie in einer WG: In dem einen Zimmer wohnen Tocotronic, im anderen man selbst, und die Konzerte, auf denen alle zusammenkommen, sind die Begegnungen in der Küche.

Vielleicht ist es auch schwer, an etwas anzuknüpfen, das sich im Song »Bessere Zeiten« wie folgt liest: »Bessere Zeiten klingt gut / Bessere Zeiten klingt / Bruch in allem pausenlos / Fetzen auf dem Tisch / Gehen, feindet, rührt, entstellt / Affentempo, schleppt sich fort / Gehen, feindet, rührt / Bessere Zeiten klingt gut«.
    Ich kann’s nur machen. Bestenfalls, vielleicht, manchmal. Ich fühle mich nicht zurückgewiesen, nur weil ein Ball nicht aufgefangen wurde. Ich fühle mich nicht betrogen. Es ging und geht ja nur darum, Sachen zu machen. Nicht darum, wer den Ball auffängt. Für einige Leute ist die Kolossale Jugend heute die Erinnerung an ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Halt’s Maul Deutschland«. Für andere Leute ist die Kolossale Jugend sehr wohl die Möglichkeit gewesen, zur Gegenwart aufzuschließen. Aber für die meisten Leute ist die Kolossale Jugend etwas, das sie lieber nicht verstehen möchten.


Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache: Dirk von LowtzowAntye Greie, Wolfgang Müller, Max Müller, Blixa Bargeld, Dendemann, DJ Koze.