The White Stripes
Icky Thumb
Text: Michael Tschernek
Schön, wie Jack und Meg White Zwiegespräche abhalten. Etwa in »Rag and Bone«, einem Stück ihres neuen Albums, auf dem die beiden ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, dem Lumpensammeln. Da ziehen sie durch die Straßen, rufen »Rag and Bone« – »Lumpen, Alteisen« –, werfen einen Blick
in Vorgärten und Hinterhöfe. Eine Trompete abzugeben? Weihnachtsbaum, Baseballschläger, Telefon, Klobrille jemand? Her damit! »A c’mon, a c’mon, a c’mon / C’mon give it to me!« Und schließt alles weg, was ihr behalten wollt. Jack: »Just things you don’t want. We make something out of them. We give them a home!«
Das ist natürlich ein schönes Bild für das, was die White Stripes mit ihrer Musik betreiben. Seit zehn Jahren sammeln sie die Musikstile, die sich
in der amerikanischen Geschichte Gehör verschafft haben: Country, Folk, Rock’n’Roll, Bluesrock und immer wieder Blues. Bob Dylan, Robert Johnson, Dolly Parton. Einmal ausgewählt, werden die Vorlagen sorgfältig zerlegt und wieder zusammengesetzt. Respektvoll, aber doch eigen genug. Möglichst entkernt, geradezu minimalistisch: Gitarre, Schlagzeug, Stimme. Die Selbstbeschränkung wird zum Prinzip erklärt. Ein Klang ist erst dann wertvoll, wenn er erarbeitet werden musste.
Drei Wochen haben die Aufnahmen für das neue Album »Icky Thump« in einem Studio in Nashville in Anspruch genommen – zugleich die Stadt, in die
Jack White vor einiger Zeit mit seiner Frau Karen Elson hingezogen ist. Drei Wochen im Studio sind viel für die White Stripes. Zwei Gastmusiker aus Nashville mit Mariachi-Trompete und Dudelsack sind dabei. Auch ein Novum. Hier brechen sie die strengen Regeln der Vergangenheit ein wenig auf, bringen etwas mehr Farbe ins traditionelle Rot, Weiß und Schwarz, erweitern das Spiel mit den amerikanischen Folk-Roots um mexikanische und schottische Elemente. Old, new, borrowed and blue, eine furiose Coverversion von »Conquest«, einem Song von Corky Robbins, den Patti Page in den Fünfzigern
gesungen hat.
Einige Stücke entstanden spontan im Studio, andere warteten schon länger auf eine Veröffentlichung. »Das Hauptthema von ›I’m Slowly Turning Into You‹ ist bereits während der Aufnahme-Sessions von ›Get Behind Me Satan‹ aufgekommen«, weiß Jack White zu berichten: »Den Anstoß hat mir der
Video-Regisseur Michel Gondry gegeben. Er erzählte mir von seiner Idee, mich im Zuge eines Videos langsam in Meg zu verwandeln. Dafür wollte er zwischen den Aufnahmen von mir und Meg hundert Schauspieler filmen, die zunehmend weniger wie Jack und zunehmend mehr wie Meg aussehen. Später habe ich Michel erzählt, dass ich begonnen habe, einen Song zu seinem Video zu schreiben. Und er sagte: ›Oh, ich liebe es, wenn die üblichen Arbeitsweisen umgekehrt werden.‹«
Nashville, die Welt der Sweethearts und Gentlemen, ist für Jack White so etwas wie ein Refugium. Hier lebt er in einer Straße, in der früher Hank Williams,
Tammy Wynette und Porter Wagoner wohnten, und hier gibt es eine Tradition von Country-Musikern, die es ganz unverhohlen auf einen möglichst hohen Absatz ihrer Alben anlegen. Sie sind Jack allemal lieber als all die verlogenen »Zyniker,
Hipster, Blogger und Internetkritiker«, die sich nur dafür interessieren, ob etwas noch cool oder independent genug ist. »Nashville«, erklärt er, »stellt für mich das perfekte Gegengift zu all diesen coolen Hipster- und Garagen-Rock-Sachen dar.«
LABEL: XL Recordings
VERTRIEB: Beggars
VÖ: 15.06.2007

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