Psychic TV / PTV 3
Hell Is Invisible… Heaven Is Her/e / Part Two: The Endless Not
Text: Jens Balzer
Existenzphilosoph, Krachkaiser, Sexguru und Hermaphrodit: Seit fast vierzig Jahren bewährt sich Genesis P-Orridge als Gestaltwandler und Provokateur.
Mit seiner Performancegruppe COUM Transmissions trieb er die öffentliche Präsentation ungewöhnlicher Sexpraktiken in unerforschte Regionen voran, mit der daraus hervorgegangenen Band Throbbing Gristle erfand er die Industrial-Musik. Mit seiner Band Psychic TV und dem dazugehörigen Temple ov Psychick Youth versuchte er in den achtziger Jahren, der spirituellen Erleuchtung mit Hilfe glamouröser Gruppensexorgien näherzukommen. Seit Anfang der Neunziger lässt er sich mit Implantaten und Hormontherapien zum Zwitter umgestalten. Pandrogynie nennt P-Orridge dieses Konzept, positive Androgynie: »eine neue Stufe in der menschlichen Selbsterschaffung und damit der Evolution der Menschheit«, wie er seinen aktuellen Körperzustand im Interview nicht ganz unbescheiden beschreibt. »Higher and higher«, immer weiter fort vom Boden des natürlichen Ursprungs, will er nach eigenen Angaben auch mit PTV3 kommen, der aktuellen Reinkarnation von Psychic TV, die neben ihm aus einer Rotte leicht verführbarer junger Leute aus dem New Yorker Village besteht. Doch so hübsch diese bei Konzerten auch anzusehen sind – nach einer Weile pflegen sie sich meist kokett zu entblößen und beim Musizieren einander die Nippel zu lecken – , so evolutionär unterentwickelt wirkt doch der mit »Sympathy for the Devil«-Zitaten aufgehübschte Gitarren-Rave, den man auf ihrer neuen Platte hört. Wo die alten Psychic TV wahrer Hardcore gewesen sind, wirken ihre aktuellen Nachfahren unbefriedigend weichgezeichnet. Wesentlich interessanter ist da das Reunion-Album, das P-Orridge mit seiner alten Band Throbbing Gristle herausgebracht hat. »Part Two: The Endless Not« ist eine wahrhaft pandrogyne Krachplatte geworden, mit der TG gerade dort weitermachen, wo sie vor 25 Jahren aufgehört haben: bei einer subtil desorientierenden, ritualistisch pulsierenden Geräuschkunst, die sich – und das ist das Tollste daran – aller Formen der plumpen Ohrenbetäubung entzieht, die inzwischen unter dem Namen Industrial kursieren. Dieser Krach ist nicht maskulinistisch, sondern sexuell ambivalent: Er zwingt den Hörer nicht einfach nieder, sondern antwortet und fragt, zögert und reagiert. Unerhört, wie fi ligran es aus den Samplern Peter Christophersons zwitschert und klirrt; wie lieblich sich Chris Carters Theremin in die Gehörgänge fiept. Dazu räkelt sich die neu kreierte Barschlampe P-Orridge lasziv auf einem imaginären Klavier und wirft – »almost a kiss« – seinen/ihren Verehrern widersprüchliche Parolen zu: »Fürchtet euch – fürchtet euch nicht.« So ist es hier wie mit der Evolution des Lebens im Ganzen: Wahrer Fortschritt zeigt sich nur dort, wo alte Gegensatzpaare ineinander stürzen; Erleuchtung bringt am Ende nur die Entropie.
LABEL: Sweet Nothing Records
VERTRIEB: Cargo Records
VÖ: 01.06.2007

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