Basia Bulat / Meg Baird
Oh My Darling / Dear Companion
Text: Gunnar Klack
Oh, Devendra! Was wurde uns nicht schon im Zeichen deines ondulierten Bartes als musikalische Offenbarung verkauft! Elfenkostüme und Lockenwickler haben noch selten auf Dauer für Glaubwürdigkeit gesorgt, obwohl sich sicher eine Menge Leute bei deinem exzentrischen Gehabe bedanken dürften; alleine für die Publicity! Immerhin wurde so das Genre des Freak-Folk erschaffen, was zwar Musikerinnen wie Meg Baird in die womöglich falsche Schublade einsortiert, aber generell das Interesse an einfacher und persönlicher Folkmusik fördert. Der zweite Bildungsweg der Folkmusik führt hier in einigem Abstand an Joni Mitchell und Laura Nyro vorbei, direkt zu Linda Perhacs und Vashti Bunyan. Beide Frauen entwickelten nämlich den damaligen Folk ein Stück weiter – Perhacs in
Amerika und Bunyan in England. Weg von den Problemen des Alltags und des Zusammenlebens hin zu abstrakteren Gedanken; Lieder, die in ihrer Länge und sphärischen Entrücktheit in die Bereiche von ›progressive‹ und ›psychedelic‹ vordrangen. Die Abwegigkeit dieser Entwicklung resultierte in Aufnahmen, die intimer und persönlicher nicht hätten sein können. Und doch blieb beiden Anerkennung verwehrt. So wendeten sie sich bürgerlichen Berufen zu und blickten später ein wenig peinlich berührt auf ihre jugendlichen Experimente zurück. Hier schließt sich der Kreis zu Devendra Banhart, so prätentiös er auch sein mag. Animal Collective und er nahmen den Kontakt zu den beinahe vergessenen Folk-Musikerinnen auf, musizierten gemeinsam mit ihnen und sorgten nicht nur für die Wiederveröffentlichung der verkannten Meisterwerke, sondern auch noch dafür, dass Perhacs und Bunyan wieder neues Material produzierten.
Die Folk-Formation Espers aus Philadelphia wurde gerne in einem Atemzug mit Devendra und dem neu aufl ebenden Psychedelic-Folk genannt, obwohl sie auf dem Gebiet der leisen und langgestreckten Akustikgitarren eine gewisse Unabhängigkeit bewies, was sich mit dem Soloalbum der Espers-Sängerin Meg Baird nun eindrucksvoll bestätigt. Deren Album »Dear Companion« wurde parallel zu den Aufnahmen des zweiten Espers-Albums von ihr alleine eingespielt und sollte – laut Label – ursprünglich gar nicht veröffentlicht werden. Das ist sogar plausibel, angesichts der natürlichen und beiläufigen Art und Weise, mit der Meg Baird eigene und traditionelle Folksongs intoniert. Es kling, als würde sie wirklich nur für sich selbst singen! Mit einer Stimme, die von der ersten Sekunde des Albums mit ihrer Schönheit verzückt. Schon das erste Lied, der Titeltrack »Dear Companion«, ist das Ergreifendste, was man gehört hat, seit Ben Gibbard von Death Cab for Cutie »I Will Follow You Into The Dark« sang. Im Verlauf des Albums flachen die Gefühlswallungen naturgemäß ab, so dass man sich besonders nach dem sechsminütigen »The Cruelty of Barbry Ellen« schon gegen Gänsehaut gefeit glaubt. Aber nach jedem Weghören schlägt die entwaffnende Einfachheit in Meg Bairds Stimme wieder zu. Jegliche Art von Zutat, ob es eine zweite Stimme ist, oder alleine die Idee von Anstrengung im Gesang, ist äußerst sparsam und wirkungsvoll eingesetzt. So dass letztendlich nur eine vorsichtig gezupfte Gitarre und Megs Stimme in Erinnerung bleiben. So viel Nähe und Intimität auf einem Tonträger festzuhalten war zuletzt wirklich nur Linda Perhacs und Vashti Bunyan gelungen.
Einen ganzen Schritt performativer und opulenter geht die junge Kanadierin Basia Bulat ans Werk. Zum einen, weil der Wind des Neo-Folk in Ontario aus einer etwas anderen Richtung weht; zum anderen, weil Basia Bulat garantiert nicht an ein leises Album nur für sich selbst dachte, als sie mit dem Arcade-Fire-Produzenten Howard Bilerman ins Studio ging. »Oh My Darling« ist zwar auch ein persönliches Album einer Frau mit Gitarre in der Hand, aber Mandolinen, Geigen, Rasseln und ein Chor sollten bei ihr schon dabei sein. Die Platte beginnt unbeschwert mit Ukulele und Händeklatschen (»Before I Knew«), wird dramatischer und rhythmischer (»I Was a Daughter«), klingt später, als würde Shakira bei Arcade Fire mitsingen (»Snakes and Ladders«), um dann in einer Folk-Arie vom Format eines Rufus Wainwright ihren Höhepunkt zu bestreiten (»The Pilgrim Vine«). Zwischendurch ist Basia Bulat einmal beinahe so persönlich wie Meg Baird (»Oh, My Darling«), aber Bongodrums und jazzige Klänge verwischen schnell den Eindruck der Wohnzimmeraufnahme (»Why Can’t It be Mine«). Vergleiche mit Landsfrau Leslie Feist sind da nicht unberechtigt, auch wenn man bei »La-Da-Da« eher an eine Seemannsuniform als an Feists reizende Bühnengarderobe denkt.
LABEL: Rough Trade Records
VERTRIEB: RTD
VÖ: 08.06.2007

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