Gogol Bordello

Super Taranta!

Text: Dennis Kastrup

Eugene Hütz – Sänger und Songschreiber von Gogol Bordello – ist der Jack Sparrow der Weltmusik. Er hat Charisma, Charme, trägt Anker-Kette, Schnäuzer und einen Ring im Ohr. Hütz ist ein moderner, leidenschaftlicher Pirat. Aus verschiedensten Epochen und Genres raubt er seine Beute. Das Grundgerüst bildet dabei aber immer noch seine ukrainische Heimat, aus der er nach der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl 1986 fliehen musste, die USA wurden der neue Heimathafen des rastlosen Punkrockfans. Doch erst in New York nahmen Gogol Bordello Ende der 90er Jahre so richtig Fahrt auf. Die Verknüpfung traditioneller Gypsy-Musik und Rock-Attitüde machte das Zigeuner-Punk-Cabaret in New York zur großen Nummer. Im dort ansässigen Club Pizdetz zelebrierten die acht Mitglieder einmal pro Woche einen ekstatisch-stampfenden Live-Exzess, der die Grenzen und engstirnigen Vorstellungen der Großstadtamerikaner sprengen sollte. Im Land der Superlative entwickelten sich ihre Shows zum Superstar der Bohemen Hysterie: Kostümierte Tänzerinnen, Geiger, Saxophonisten, Akkordeonspieler, Schlagzeuger, Gitarrist, Bassist, Zirkuskünstler und Sänger springen, hüpfen, brüllen und schreien sich schweißgebadet ins Gypsy-Punk-Paradies.
    Hütz will die Welt verändern. Bewegung darf nicht zum Stillstand führen. Schon beim Vorgängeralbum »Gypsy Punks - Underdog World Strike« wurden die »Immigrant Punks« als die neuen Heilsbringer gehandelt. Nur mussten sie sich unter zunehmenden Globalisierungsdruck (»Think Locally, Fuck Globally« lautet eines ihrer älteren Stücke) ihre eigene Bewegung erschaffen: für das Album »Super Taranta!« wurde die NRI (New Rebel Intelligence) ins Leben gerufen. Sie ist die energetische Bewegung, die, laut Hütz, Gypsy Musik verkörpert. Geboren aus der Armut, schafft sie es, Freiheit zu leben. Auf »Super Taranta!« – Tarantella ist ein alter süditalienischer Volkstanz, dem spirituelle Kräfte nachgesagt werden – verausgabt sich Hütz vollständig in den treibenden Punk-Ska-Rhythmen und immer wieder ausbrechenden Polka-Fiedel-Trompeten-Staccati. Jedes seiner teils in Englisch, teils in osteuropäischer Sprache gesungenen und geschrienen Stücke entblößt zügellose Leidenschaft. In »American Wedding« mockiert er sich über die Spießigkeit amerikanischer Hochzeiten. »Alcohol«, ein Stück, das wegen des reduzierten Tempos und des Klagegesangs aus dem Off wie der Kater nach einer schlimmen Nacht klingt. »Zina-Marina« verurteilt die, wie Hütz es nennt, »weiße Sklaverei«, die seit dem Untergang der UDSSR immer mehr Frauen in reiche Länder verschwinden lässt. In »Wonderlust King« wiederum: »And presidents / And billionaires / And generals / They’ll never know what I have owned / I am a Wonderlust King!«. Sehnsucht, Weitsicht und Optimismus lassen seine Stimmbänder flattern und erzittern.
    Das Fernweh wird ihn weiterhin ins Ungewisse treiben. Gogol Bordello jedenfalls haben auf diesem Album ihrer Auslegung der Gypsy Musik neue Authentizität verliehen.

LABEL: Side One Dummy Records

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 13.07.2007

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->