Review: Tocotronic Kapitulation

Tocotronic haben mächtig Überbau geliefert, und das schon vor Erscheinen von »Kapitulation«. In jedem Medium, in jeder Stadt waren sie medial präsent; und überall hatten sie eine Formel gefunden, »Kapitulation« zu verkaufen: als Manifest-gestützte Geste der lustvollen Verweigerung. Dirk von Lowtzow über die Inhalte des neuen Tocotronic-Albums reden zu hören wäre alleine schon Kunst genug gewesen; es machte den Stein steiniger. Als die 7“ »Sag´ alles ab / Kapitulation (Manifest)« schließlich als erstes Signal ertönte, fragte ich mich allerdings, ob Tocotronic heuer nicht vielleicht ein bisschen zu eindimensional fahren würden. Es schien einfach alles zu perfekt zusammen zu passen: das Manifest mit der jetzt schon weltberühmten Klimax »Fuck. It. All«, dazu der lärminfizierte Hysterie-Stomper »Sag´ alles ab« auf der Flip. Solch ein Gemenge ließ ein Album voller schroffer Gebärden im Geiste eines Individualpunk mit Dandy-Horizont erwarten. Das hätte dann bedeutet, die Band spiele ihre vorab in den medialen Space gesandten Toc-O-Töne lediglich nochmal nach.

    Jetzt ist mein Rechner ganz heiß gelaufen vom elffachen oder so »Kapitulation« abspielen, und: Klar. Natürlich haben sie es sich nicht so einfach gemacht. »Kapitulation« ist ganz bestimmt nicht das Album, wie es zu erwarten war. Es ist bei all den Gesten des Rückzugs, des Mittelfingers und scheinbar zotigen Titeln wie »Explosion« und »Mein Ruin« noch mehr, noch viel, noch viel, viel mehr. »Kapitulation« ist voller Utopie und, ja, Liebenswürdigkeit. Schon der Titelsong swingt im Backbeat; der von der Gitarre gedoppelte Gesang macht den Refrain zum Freund. Selbst hinter einem Schlagwort wie »Aus meiner Festung«, so der Titel des darauf folgenden Liedes, verbirgt sich eine sonnenhell gestimmte Beschreibung von Wünschen. Hier zelebriert die Gruppe eine seit dem »Weißen Album« (»Tocotronic«) eingeführte Spezialität: die der ins gleißende Licht führenden Brücke. Eine verfärbte Leichtigkeit durchzieht das Album überhaupt. »Wehrlos« schwebt auf Synthie-Wolken und Himmel-Slides, in »Verschwör´ dich gegen dich« wirkt der Gesang wie von einem krumpeligen Stück Alufolie resoniert. Das extrem räumliche Sound Design nimmt diesem Rock jeden Anflug von Kumpeltum und Sport.

    Ja, bei aller Negation, bei allem Runter-und-Raufsagen der Formel »Ich möchte lieber nicht« aus Herman Melvilles Erzählung »Bartleby, der Schreiber«, diese Songs schwelgen in Euphorie. Wo die Festungen gebaut sind, werden die, die zählen, zum Verweilen eingeladen und mit ganz besonders viel Zärtlichkeit behandelt. »Wir sind viele« heißt es dann, denn »Harmonie ist eine Strategie«. Ich möchte mich hier ganz deutlich Jens Balzers im Heft über Tocotronic geäußerte Meinung anschließen, wonach »Kapitulation« die »beste Platte ist, die ihnen in ihrer vierzehnjährigen Bandgeschichte bislang gelungen ist«. Die Dialektik von jenem »Nein«, wie die Punks es sagen und dem Waldspaziergang erzeugt eine Romantik. Die von heute, klar.

LABEL: Universal Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 06.07.2007

JUICE Magazin abonnieren
SPEX ABO
BESTELLEN
UND TOLLE
PRÄMIEN
SICHERN!

 
 
 
ZUM SHOP
spex_no366_final_cover_154px
DIE NEUE
AUSGABE &
BACK ISSUES
JETZT
VERSAND-
KOSTENFREI
BESTELLEN!
 
 
ZUM SHOP
Ta-Nehisi Coates

Ta-Nehisi Coates »Zwischen mir und der Welt« / Review

Keine Hoffnung, keine Träume: Mit dem aufwühlenden Erlebnisbericht »Zwischen mir und der Welt« schreibt Ta-Nehisi Coates das Märchen von Amerikas post-racial society ins Grab.

DF16_LOGO_RGB

Nicht-Norm: SPEX präsentiert Donaufestival 2016

Musik und Performance, Kunst und Installation, Video und Tanz – das Donaufestival präsentiert sich auch im elften Jahr nach seiner inhaltlichen Neupositionierung als Allrounder, der auch die Nische nicht vergisst. SPEX präsentiert das Festival mit Mogwai, Pantha Du Prince, DJ Koze und anderen an zwei Wochenenden im Frühjahr.

Roger Willemsen. Foto: Mathias Bothor

Roger Willemsen ist tot

Medienberichten zufolge ist der Autor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren gestorben.

JuniorBoys

Junior Boys »Big Black Coat« / Review

Big Black Coat (das Album wie der gleichnamige Song) entfalten in der Tat wärmende Wirkung.

Sunflower Bean

Beeinflusst von: allen – Sunflower Bean live / Ticketverlosung

Ritt durch die Rockgeschichte: Sunflower Bean kommen mit ihrem Album-Debüt nach Deutschland.

MaryOcher

Mary Ocher + Your Government »Mary Ocher + Your Government« / Review

Wie man Ochers Werk lesen muss? Wenn es keinen Ort gibt, an dem man sein kann, wie man will, muss man sich diesen Ort schaffen.

fastforward

Killt Streamingdienst den Plattenstar? Ein Plädoyer von Malakoff Kowalski

Die Diskussion um Streamingdienste wurde 2015 von Urhebern und Schallplattenliebhabern mit maximaler Intensität geführt und im Prinzip als ein Werk des Teufels begriffen. Unser Autor, seinerseits Schöpfer musikalischer Werke, ist gegenteiliger Meinung. Ein Plädoyer für Streaming.

_DSC4277_MarkusMilcke

Neue Katastrophen: Human Abfall mit neuem Album auf Tour / SPEX präsentiert

Noisiger Gitarrensound, knarzige Bassläufe und minimalistisches Schlagzeugspiel: Human Abfall thematisieren in ihrem lärmenden, klaustrophobischen Soundgerüst humanitäre Krisen und menschliche Katastrophen. Am 29. April erscheint das zweite Album Form Und Zweck, SPEX präsentiert die dazugehörige Deutschlandtour.

nevermen

Nevermen »Nevermen« / Review

Der vielstimmig mäandernde psychedelische Pop von TV On The Radio, verrührt mit Mr.-Bungle-Rock.

anothercity

Ankommen im Hier und Jetzt – Ausblick auf die Berlinale Shorts

Heute wurde das offizielle Programm der 66. Internationalen Filmfestspiele von Berlin vorgestellt. Die Berlinale Shorts präsentieren eine mutige Auswahl von Kurzfilmen aus aller Welt.

SPEX_Logo_1000er

Praktikum in der SPEX-Redaktion

Schwerpunkt Online: SPEX sucht ab März Verstärkung in der Redaktion.

diiv

Diiv »Is The Is Are« / Review & Vorabstream

Hier kommt die Wallfahrt des Konformismus eines geläuterten Williamsburgers.