Die Türen

Krieg der Dialektik

Text: Oskar Piegsa

»Kunst ist ein Lebensmittel«, findet Maurice Summen. »Krieg der Dialektik«,
die neue Platte seiner Band Die Türen,
wird deshalb wie ein Lebensmittel vertrieben: mit Discounter-Strategie. Die Lieder gibt’s zum Nice Price. Und zwar nicht auf CD,
sondern auf DVD – mit Videoclips gratis dazu. Buy One Get One Free.

    Leider verhält es sich mit »Krieg der Dialektik« wie so oft mit Discount-Ware: Sie ist vor allem billig.
In der Presseinfo werden die Clips auf der DVD etwas verschämt als »(Kunst)Filme« bezeichnet. Tatsächlich ist es wohl »(Kunst)«,
wenn zu der Zeile »Leder und Pups riecht gut« zweieinhalb Minuten lang unbewegte, badende Füße gezeigt werden. Auch das Gros der übrigen
Filme ist eine recht statische Angelegenheit, Dia-Shows und Grafik-Gewitter, die eher an Bildschirmschoner erinnern. Und richtig frisch ist selbst die Musik
dazu nicht – sondern übriggebliebene Lieder aus früheren Zeiten der Band. Songs, die es nicht auf das letzte Album »Unterwegs mit Mother
Earth« geschafft haben, oder die noch älter sind. »Krieg der Dialektik« deshalb doof zu finden, bedeutet allerdings, das Wichtigste
zu übersehen.

    Denn die Türen haben das alles intellektuell abgesichert, mit einem programmatischen Essay  im Booklet der DVD. Ihre These:
Die Popmoderne ist vorbei. Lange Zeit prägte ein ständiges Vorwärts die musikalische Entwicklung, schreibt Bandmitglied Gunter Osburg.
Gut war, was modern, was neu und anders war. Der perfekte Popsong war irgendwo in der Zukunft versteckt. Diese Ansicht änderte sich in den Neunzigern.
Plötzlich galt: »Zukunft ist nicht länger die Zeit der Pläne und Utopien«, so Osburg weiter, »stattdessen bevölkern
Ängste diesen Freiraum.« Nun sehnte man sich zurück in die Vergangenheit. Der perfekte Popsong? Den gab’s früher mal. »Heute
ist die Musik die Kopie einer Kopie«. Willkommen in der Poppostmoderne.

Beide Sichtweisen eint, so Osburg, dass sie ein lineares Geschichtsverständnis an den Tag legen – beide kennen nur entweder Fortschritt
oder Verfall. Beide verbindet ihre Unzufriedenheit mit der Gegenwart. Und – das darf man vielleicht ergänzen – beide projizieren
ihre Sehnsüchte in Sphären, die außerhalb jeglicher Erreichbarkeit und Überprüfbarkeit liegen. Dadurch gewinnt Pop ein
quasi-religiöses Moment. Was erklären könnte, warum man es immer mal wieder mit Missionaren, Asketen oder Besessenen zu tun hat.

    Die Türen, jedenfalls, haben keine Lust mehr darauf, sich in der Gegenwart unwohl zu fühlen. »Das Rad der
Geschichte hat einen Platten bekommen, und wir sind gezwungen, es zu wechseln«, skandiert Osburg. Weg mit der Linearität! Weg mit
der Chronologie! Statt Linien sind Kreise angesagt: Auf einem Dancefloor namens Gegenwart, immer um die eigene Achse. Der Soundtrack dazu ist
eine Mischung aus Neu und Alt, aus Dub, Dada, P-Funk und Elektropop.

    Neu oder alt, fertig oder unfertig spiele in der Poppostmoderne keine Rolle mehr, so Osburg über die neuen/alten
Türen-Songs. »Gut oder schlecht, epigonal oder eigenständig bieten sie jede Menge Angriffsfläche und Lästerraum
und erfüllen allein dadurch schon den Zweck von Veröffentlichungen: Kommunikation«. So gewieft müssen die Discounter-Brüder
Aldi erst mal argumentieren.

LABEL: Staatsakt

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 18.05.2007

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