1990s

Text von Simon Schneller
am 8. Juni 2007

Alles begann auf einem Ast im Kelvin Grove Park in Glasgow im Frühjahr 2005.  Auf diesem hatten sich Jackie McKeown und Michael McGaughrin nach einer durchzechten Clubnacht niedergelassen, nachdem die beiden bekennenden Celtic-Fans einen Baum von blauen Bändern der verhassten Glasgow Rangers befreit hatten. Eine spontane Aktion von zwei Fremden, die jetzt auf dem Ast sitzend, ein Bier in der Hand, bald auf Musik zu sprechen kommen. Vor allem da gibt es so einige Gemeinsamkeiten. Denn beide stecken diesbezüglich gerade in einer Krise. McKeown hat nicht so recht verkraftet, dass seine ehemaligen Mitstreiter Alex Kapranos und Paul Thompson seiner damaligen Band Yummy Fur mit Franz Ferdinand durchgestartet sind. Der »New New Wave-Boom« fand also ohne ihn statt. Auch sein elektronisches Projekt The Girls And The Mars Hotel will nicht so richtig in die Gänge kommen – dafür ist es noch zu früh, denn der »New Rave« wird erst zwei Jahre später groß werden. McGaughrin war Schlagzeuger der Domino-Band V-Twin und ist auch ohne Beschäftigung. Noch auf dem Ast wird der Beschluss gefasst, fortan zusammen Musik zu machen.
 
    Von einem Gründungsmythos kann keine Rede sein, denn die 1990s wurden damals noch nicht ins Leben gerufen. Die beiden Baumfreunde mussten erst noch gemeinsam mit Jamie McMorrow (ebenfalls Ex-Yummy Fur) die Can-Legende Damo Suzuki als Backing-Band anheuern, bevor sie sich selbständig machten. Beim letzten Auftritt mit Suzuki stand am Ende einer ausufernden Improvisation das Riff von »You Made Me Like It«, dem späteren Opener von »Cookies«, dem Debüt der 1990s. Produziert wurde das Stück von Norman Blake (Teenage Fanclub), für den Rest der Platte übernahm Ex-Suede-Gitarrist Bernhard Butler. Der Kontakt kam über Rough Trade, Geoff Travis hatte die Band kurz zuvor bei ihrem erst sechsten Gig bei einer Franz Ferdinand-Aftershow-Party im Londoner Canvas für sich entdeckt. Zeugen sprechen davon, dass der Gig Travis zu Musical-esken Tanzeinlagen bewegt haben soll.
 
    Dementsprechend gilt auch für die 1990s das Ferdinandsche Credo »We wanna make girls dance«. Indie Rock’n’Roll aus der Garage mit funky Retro-Gitarren und allem was dazugehört. Travis hat für derlei Acts erwiesenermaßen ein Goldhändchen. Die 1990s erweisen sich aber vor allem deshalb als It-Band, weil sie mit der einen oder anderen Spezialität aufwarten. Seien es die »bababaa, dadadaa«- (»See You At The Lights«) oder die fast Surfpop-Laune versprühenden »lalalaa«-Gesangseinlagen (»Arcade Precinct«). Dabei ist dies nur ein Teil des Ganzen, sonst würde nicht auch noch das Label Scottish Version Of The Cars auf die Glasgower passen. Die Band selbst weist ausdrücklich auf den Einfluss von Alex Chiltons (The Replacements) »Like Flies On Shebert« aus dem Jahr 1979 hin, ebenso wie auf Bob Dylans Soundtrack zu Sam Peckinpahs Western »Pat Garrett & Billy The Kid«.
 
    Und wenn die Referenzmaschine schon einmal läuft: Lou Reeds »Transformer« ist unüberhörbar präsent. »Switch« klingt stark nach »Vicious«, »Arcade Precinct« so sehr nach »Walk On The Wild Side«, dass man schon fast von einer Cover-Version sprechen kann. »Cult Status« hat wiederum unverkennbar den Rolling Stones oder Stooges-Swagger, »Thinking Of Not Going« erinnert an »Somebody Put Something In My Drink« von den Ramones. Außerdem offenbaren Textzeilen wie »Why don’t you try taking drugs again / You were never funnier than you were back then« (»Weed«) die Begeisterung für »mad little 70s New York rock songs with really ridiculous lyrics«, wie Mc Keown es ausdrückt. »My cult status keeps me alive / My cult status keeps me fucking your wife« heißt es im Refrain zu »Cult Status«, so viel Ironie war seit Art Brut nicht mehr im Vereinten Königreich. Nur sollte die Band aufpassen, dass sie sich mit diesem Song nicht bald selbst persiflieren muss. Das »Glasgow« vor Supergroup können sie – wenn diesmal alles gut läuft – wohl bald streichen.

LABEL: Rough Trade Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 08.06.2007

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