Review: Wilco Sky Blue Sky

Willkommen in der Gediegenheit. Die Gediegenheit ist eine lange, ruhige Zone, musikalisch entdeckt von einigen Langhaarmusikern um 1970 herum und von vielen seitdem auch nicht mehr verlassen (in der Gediegenheit kann man sich verlaufen wie in der Wüste, sagt man. Überhaupt muss man sich die Gediegenheit wie eine Wüste vorstellen: Kontemplation, Ruhe, Nichts, und der Tod lauert überall). Aufgenommen und verbreitet wurde die Gediegenheit schnell von amerikanischen Radiostationen, vorzugsweise von denen an der Westküste, aber auch von südstaatlichen oder denen im Nordwesten. Sie hatten erkannt, dass die Gediegenheit sich besonders gut für lange Autofahrten eignet.
    Und wie klingt die Gediegenheit? Ungefähr so: Sanfte, gefühlsbetonte Stimme, verschlepptes Tempo, Harmonie und Wohlklang, manchmal durch einen Impuls, einen Anflug von Lärm gestört. Gerne wird ein Klavier geklimpert oder die Fender Rhodes zum säuseln gebracht. Und immer wieder gibt es lässig hingeschraubte Gitarrensoli, die sehr oft nach Supertramp (obwohl, hatten die Gitarrensoli?), den Wings (in »Hate It Here« variieren Wilco das Thema aus »Lady Madonna« von den Beatles) oder eine der anderen Supergruppen der frühen Siebziger klingen. Oder eben an diese Wüstensoundbands, die wir nur aus dem Autoradio unserer Eltern kennen. Gediegenheit eben. Dass Wilco schon länger zu dieser Zone neigten, wusste man ja, allein hat sie bisher immer der große Popwurf (»Summer Teeth«), die elektronisch verzerrte Riesenverzweiflung (»Yankee Hotel Foxtrott«) oder das vollmundige Rockexperiment (»A Ghost Is Born«) davon abgehalten, tiefer in die Gediegenheit zu irren.
    Wer also mit will in die Gediegenheit, der wird auf »Sky Blue Sky« bestens bedient. Wer sich an die Intensität amouröser Katastrophen erinnern möchte, den wird diese Platte enttäuscht zurücklassen. Zwar hat Jeff Tweedys Stimme immer noch den Touch einer gut abgehangenen Niedergeschlagenheit, insgesamt scheint es ihm aber gut zu gehen. Zu gut für Musik jenseits der Gediegenheit.

LABEL: Nonesuch

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 11.05.2007

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