Wheat
Everyday I said A Prayer For Kathy And Made A One Inch Square
Text: Georg Brunner
Man kann es getrost sagen: Fortuna war Wheat bisher nicht gerade hold. Das Trio aus Boston ist wohl eine der unverdientermaßen unbeachtetsten Indie-Bands, anhand derer sich noch dazu die Zusammenhänge zwischen musikindustriellen Anforderungen an eine Platte und »künstlerischer Freiheit« beispielhaft zeigen.
Nachdem Scott Levesque, Brendan Harney und Ricky Brennan 1998 mit den charmant-brüchigen Lo-Fi-Songs ihres Debüts »Medeiros« auf sich aufmerksam gemacht hatten, kondensierten sie die kreativen Ansätze zu einem Meisterwerk, mit dem Wheat sich ihre eigene musikalische – wenngleich deskriptiv schwer fassbare – Schublade schufen.
Würden Tortoise und Death Cab For Cutie sich für eine Nacht in vier Wänden verbarrikadieren, um sehnsüchtige, unpeinliche Indie-Songs (wie »Don’t I Hold You«” beispielsweise) und warmherzige Musik mit intellektuellem Anspruch zu machen, dann klängen sie eventuell wie Wheat auf »Hope & Adams«: homogen, in sich schlüssig, verschroben, leidenschaftlich, verspielt, elegisch und zärtlich zugleich, dazu mit hohem Anspruch an die eigene Musik.
Aber statt Vorfreude auf ein neues Album waren danach vier Jahre Warten angesagt, denn an dieser Stelle kam das bereits erwähnte Pech ins Spiel. Wheat nahmen ein drittes Album auf, es wurde nie veröffentlicht. Stattdessen mußte sich die Band auf mühsame Gerichtsprozesse mit Ihrer bankrotten Plattenfirma einlassen, um schlussendlich aus dem Vertrag entlassen zu werden. Das Album »Per Second, Per Second, Per Second… Every Second« wurde dann – auf Wunsch des neuen Labels – komplett neu eingespielt, wobei manche der ursprünglichen Songs auf der Strecke blieben. Das Ergebnis war eine glatte, poppig produzierte Gitarrenmusik-Platte mit guten Stücken, die Wheatsche Magie war dabei aber größtenteils auf der Strecke geblieben. Daran konnte auch ein Dave Fridmann an den Reglern nichts ändern.
Mit diesen Entwicklungen unzufrieden, hinterliess die Band 2004 nach drei tollen Alben eine Nachricht auf ihrer Homepage, die, frustiert von all den Rückschlägen, eine Pause des Projektes Wheat einleitete. Von deren Ende kündete zwei Jahre später ein Song an der selben Stelle: Man hatte wieder zueinander gefunden, um sich einem vierten Album anzunähern.
Und siehe da: Mit »Everyday…« befreit sich die Band im zehnten Jahr ihres Bestehens eindrucksvoll von den selbst gesetzten Konventionen und legt die ursprünglichen Qualitäten ihrer glimmernd-schimmernden Musik wieder frei.
Das Album ist ein großes »Ja!« zur Inkonsistenz von Liedern und zu den Brüchen und provisorischem Charakter jedes Songwritings: Egal ob durch endloses Wiederholen des »Awoo«-Jauchzens in »Closeness«, durch die Andeutung und das gleichzeitige Fallenlassen von Songstrukturen (»Saint In Law«), oder krude Sound-Experimente. Wheat experimentieren, als Nebenprodukte entstehen noch Hits wie »Little White Dove« oder »I Had Angels Watching Over Me«.
»Everyday…« vereint Schnappschüsse aus dem Wheat-Universum,
die dem perfektionistischen Zeitgeist den charmanten Stinkefinger zeigen. Auf dass Wheat das Glück von nun an hold sei! Verdient hätten sie es allemal.
LABEL: Ever Records
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 28.05.2007

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