Turner Cody
60 Seasons
Text: Christian Rief
Gibt es in New York eigentlich noch Folk? Oder wird inzwischen alles als Anti-Folk deklariert, was der Big Apple an akustischer Musik ausspuckt und bei drei nicht im Vorzimmer eines Major-Agenten landet? Nun, wenn es so klingt wie Turner Cody, ist es völlig wurscht, wo es herkommt, wie es heißt und wer der Glückliche ist, der es unter Vertrag nimmt.
Turner Cody, Klezmer-Fan, Buddy von Jeffrey Lewis und im East Village regelmäßig mit Adam Green als DJ unterwegs, hält jedenfalls nicht viel von dieser Zuordnung: »What I play is more folk than anti«. Cody ist 26 Jahre alt, geboren in Boston, mit 18 nach New York gezogen und seitdem in einem ständigen Prozess zwischen Schreiben, Spielen und Aufnehmen aktiv. Acht in Eigenregie produzierte und persönlich vertriebene Alben unterstreichen das.
Die vorliegende Compilation mit 14 Songs aus der Zeit zwischen 2000 und 2005 stellt nun nach einem Beitrag für »Antifolk Vol. 1« die erste offizielle Veröffentlichung dar. Seit Jahren wird Cody von den Geschwistern Herman Dune musikalisch begleitet, die er im Gegenzug auf Tour als Bassist und im Vorprogramm unterstützt. Deren bis zum aktuellen Album kultivierter Garagenschrammel-Folk ist seine Sache aber genauso wenig wie die halsbrecherischen Kaspereien des Herrn Green. Codys Musik wirkt sehr ernst und erinnert in erhabenen Momenten wie dem geisterhaften »Words To The Wise« an sein Vorbild Leonard Cohen. Andere Songs, wie der Boogie Woogie-Stomper »Hey Jim«, unterstreichen mit Walking Drums und jazziger Klarinette Turners Liebe zum Klezmer.
Überhaupt sind Purismus und strikte Einhaltung eines wie auch immer definierten Folkbegriffs für ihn kein Thema. Ausflüge in rauen Blues (»Lift Off«), betörend swingender, sommerlicher Pop (großartig: »Suzzannah«, »Abaraxis Forever«), cooler 60s Underground Rock im Stile von Velvets »Sister Ray« (»Click Click Click Can Can«) oder mit Mandoline, E-Gitarre und Glöckchen vor sich hin perlende Abhandlungen über den Frühling (»This Springtime«) zeugen von geistiger Autonomie, die man am ehesten mit dem Begriff »Anti-Folk« assoziieren könnte. Raus aus der Genrehölle, rein in die unendlichen Möglichkeiten melancholischer Liebeserklärungen an die Erzählung, die Melodie und die Stimmung.
Wenn es nach den aktuellen Leistungen geht, müsste also demnächst auf den Tourplakaten stehen: »Turner Cody supported by Herman Dune«. Das wäre korrektes Anti-Understatement.
LABEL: Boyscout Recordings / BB*Island
VERTRIEB: Broken Silence
VÖ: 11.05.2007

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