The Cinematic Orchstra

Ma Fleur

Text: Christian Rief

Ob Paris tatsächlich so viel beschaulicher als London ist, sei dahingestellt. Tatsächlich ist Jason Swinscoe aka The Cinematic Orchestra in die Stadt der Liebe gezogen, um ein Album über das Leben zu komponieren. Die ersten Skizzen zu »Ma Fleur« hat er einem Freund gegeben, der auf dieser Basis Entwürfe für einen (wohl fiktiven) Film über das Leben von der Geburt bis zum Tod fertigte. Inspiriert von den gegenseitigen Ideen, wurde das Spiel so weitergespielt. Herausgekommen ist eine Platte, die wenig mit dem bisherigen Schaffen Swinscoes zu tun hat und in ihrer tiefen Melancholie mehr vom Tod als vom Leben erzählt.
    »Ma Fleur« ist zu großen Teilen ein fast klassisches, leicht jazzlastiges Songwriteralbum mit Schwerpunkt Klavier/Streicher/Gesang geworden. Die offene, bisweilen karge Instrumentierung trägt dabei den universellen Titeln (»Breathe«, »Time And Space«, »To Build A Home«, »Child Song«) Rechnung. Die Songs rutschen mitunter in pure Stimmungsbilder, nehmen, wenn man bereits das Ende wähnt, nochmals Fahrt auf und entwinden sich konventionellen Strukturen, indem sie sich plötzlich in Fluten von sanften Streichern oder sparsamem akustischen Gezupfe verlaufen.
    Als Volltreffer erweist sich Swinscoes Entscheidung, Lou Rhodes von Lamb, den mir unbekannten, großartigen Patrick Watson und erneut Jazz-Legende Fontella Bass als SängerInnen ins Boot zu holen. Das geht auf, weil ihnen Swinscoe jeweils den richtigen Song zuteilt. In seiner Verschmelzung von Jazz, Folk und Pop ist »Ma Fleur« gar nicht so weit von Terry Calliers Meilenstein »What Color Is Love« aus dem Jahr 1972 entfernt, ohne allerdings dessen revolutionären Freigeist und emotionale Intensität zu erreichen. Manchmal jazzelt es einfach etwas zu belanglos dahin (»Child Song«), und das komplette Album nahezu im selben Tempo zu spielen, bringt zwangsläufig Ermüdungserscheinungen mit sich. Mitunter gelingt Swinscoe jedoch Unglaubliches, wie der stark an Antonys »Hope There’s Someone« erinnernde Opener »To Build A Home«, der einen vor Ergriffenheit erstarren lässt. Symptomatisch für die Neuorientierung des Orchestra ist, dass genau dieser Song im Internet von den alten Fans am kontroversesten diskutiert wird. Das ist meist ein gutes Zeichen.

LABEL: Ninja Tune

VERTRIEB: RTD

VÖ: 04.05.2007

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