Shapes + Sizes

Split Lips, Winning Hips, A Shiner

Text: Christian Rief

Es war in der Mitte der 90er Jahre, als es genügte, in einer Rezension nur einmal das Wort »dekonstruktivistisch« zu erwähnen, um bei eingefleischten Fans ein lautes Aufheulen zu erzeugen, dem unmittelbar der Gang zum örtlichen Plattenladen folgte. Die systematische Zerlegung von Songs und ihren Strukturen war zumindest im Indierock eine Zeitlang ein kategorischer Imperativ. Darunter ging’s nicht, um auch nur den Hauch der Chance zu haben, als wegweisend zu gelten.
    Und wie es der Zyklenteufel, dieser wie ein Metrum getimete Bastard für Zeiten musikalischer Stagnation, so will, landet hier ein Album auf dem Tisch, das sich pünktlich gut zehn Jahre nach dem medialen Abebben dieses Phänomens auf all das besinnt, was die Kunst der Dekonstruktion damals ausmachte: Emotionale Indifferenz (»Sind wir nun eigentlich euphorisch oder resignativ oder gleichgültig?«), abrupte Zerstörung jeglicher kurz aufflackernder Songhaftigkeit, Vermeidung klassischer Strophe-Refrain-Muster, urplötzliche Implosion gebündelter Energie und auf dieselbe Art zurück zum neuerlichen Ausbruch (Hallo, Bastro!).
    Das stilistische Spektrum war seinerzeit breit und ging von den ersten Chicagoer Post-Rock-Entwürfen um John McEntire und Co. bis zum skelettierten Rock’n’Roll von Bands wie den Grifters. Irgendwo in diesem weiten Feld bewegen sich Shapes + Sizes aus Vancouver mit ihrem zweiten Album. Alles wird bei diesem Quartett vermieden, was auch nur annähernd nach Stringenz klingen könnte. Heraus kommen – immer nur bruchstückhaft – psychedelische Entwürfe mit verzerrten Gitarren und zwischen Daisy Chainsaw und Elfengesängen taumelnden Stimmen, völlig freie Ansätze im Referenzbereich früher SST-Experimente, kurze Abstecher in selbstverliebte Folkkunst, wie man sie von Joanna Newsom kennt, und angejazzter Rock-Funk Marke Universal Congress Of.
    Zusammen klingt das dann allerdings doch anders und nur halb so spannend, weil »Split Lips, Winning Hips, A Shiner« trotz seines improvisatorischen Charakters recht dogmatisch und sich selbst einengend wirkt. Und weil hier schlicht und einfach Melodien fehlen.
Aber wer weiß: Vielleicht redet man in einem halben Jahr vom Schlüsselwerk eines neuen Revivals, denn in ihren besten Momenten bringen Shapes + Sizes nicht weniger als Wände zum Einstürzen.

LABEL: Asthmatic Kitty

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 18.05.2007

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