Jesu

Conqueror

Text: Benedikt Köhler

Normalerweise denkt man bei »Drone« ja an elektronische Klangerzeuger und in Zeitlupe dahinströmende oder ineinander übergehende Feedback- und Klanglandschaften. Also das, was Tim Hecker und Christian Fennesz mit ihren Laptops anstellen. Aber man kann auch ganz anders vorgehen und ein ähnliches Ergebnis durch die ebenso endlose Verlangsamung schwerer Metal-Riffs erreichen. Diesen Weg geht Justin Broadrick mit Jesu. Aber wen wundert das, hießen seine vorigen Bands doch Napalm Death und Godflesh. Die genealogische Verbindung zum Projekt des Death- und Doom-Metal kann man in den dumpf dröhnenden Gitarren zwar noch deutlich erkennen. Aber spätestens seit der Silver-EP (2006) haben Jesu mit poppigen Zusätzen, die sich eher auf den blumenseligen Indiepop von My Bloody Valentine, Ride oder den Red House Painters beziehen, ein neues Feld betreten.
    Das spürt man auch an den minimalistischen Texten, die mit Schlüsselbegriffen wie »colours«, »sunset«, »sunrise«, »shine« und »feeling« ihre Affinität zur Shoegazer-Poetik nicht verbergen können. Die Popstrukturen werden jedoch durch schleppende, ultrabassige und maximal verzerrte Metalakkorde konterkariert. Auch die Grundstimmung ist doppelt codiert: zum einen als depressive Einsamkeit spätindustrieller Regionen (siehe Cover), aus der sich mehr als nur ein bisschen Joy Division heraushören lässt. Zum anderen sind da aber immer wieder Lichtblicke, etwa in Gestalt glänzender, auf das Wesentliche reduzierter Synthesizer- und Piano-Melodien oder ab und zu sogar einem Hauch verträumter Jingle-jangle-Gitarren à la Chris Bell. »All Our Colours They Will Always Be With Us«, könnte man als introvertierte Maxime der Platte festhalten. Und wenn Broadrick gegen Ende des epischen Zehnminüters »Weightless & Horizontal« die Bitte »Try not to lose yourself« immer wieder repetiert, passiert selbstverständlich und glücklicherweise genau das Gegenteil: man verliert sich in dieser Musik.

LABEL: Hydra Head

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 06.04.2007

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