Amon Tobin

Foley Room

Text: Ole Wagner

In seinem 2000 veröffentlichten Buch »House Of Leaves« baut der Autor Mark Z. Danielewski eine zigfachbödige, ineinander verschachtelte, mit Fußnoten von Fußnoten von Fußnoten versehene, Fiktion und Wirklichkeit schwer verwickelnde Geschichte auf.  Im Mittelpunkt dieses vielerlei Ebenen nutzenden, typographisch verschlungene Wege gehenden Avantgarde-Klassikers erleben u.a. ein Fotograf und seine Familie unfassbare Horrorsituationen. In ihrem neubezogenen Haus taucht aus dem Nichts ein zusätzlicher Raum auf, der das Nichts in sich hat: ein schwarzes, labyrinthisches Loch, dessen Dimensionen ständig mäandern, ins Unendliche wachsen, um ebenso schlagartig wieder zu schrumpfen. Ein grotesker, metaphysisch wie psychologisch geladener, kalter und unwirklicher Ort, der auf Logik so wenig gibt wie auf Skrupel – und  im Laufe der Handlung mehrere Menschen verschlingt. Das bedrohlich grollende Geräusch, das aus diesem ›Hallway‹ dringt, wird nie Gestalt annehmen. Kurzum: Als hätten Escher, Edgar Allan Poe und Jorge Luis Borges ein intelligenteres Drehbuch von »Blair Witch Project« geschrieben – with a little help from Lacan.
    Sollte jemand den Versuch unternehmen, »House Of Leaves«, zu verfilmen - was im übrigen sehr zu wünschen wäre - dann kann der Soundtrack dazu eigentlich nur von Amon Adonal Santos de Araujo Tobin kommen. Der Brasilianer, der seine Jugend zeitweise in England verlebte, veröffentlichte seine erste Breakbeats brechende Platte unter dem namen Cujo (»Adventures In Foam«) 1996, nennt sich seitdem Amon Tobin und hat für das Ninja Tune Label sechs Alben veröffentlicht. Tobin ist der klassische Bedroom Producer, Meister des Samplings und Klang-Nerd, der bislang ausschließlich Schallplatten als Quelle nutzte. Seine Musik wird oft als »klaustrophobisch« apostrophiert, was soviel heißt, dass sie kein Reklamefernsehen- oder Kuschelecken-Muzak ist. Folgerichtig und weiterführend wurde für Amon Tobin, dass er vor zwei Jahren den Sound für Tom Clancys Computer-Game »Splinter Cell – Chaos Theory 3« besorgte. Das Software-Unternehmen Ubisoft, in dessen Auftrag er komponierte, hat ihm auch Zugang zu einem neuen Raum verschafft: dem sogenannten »Foley Room« der Filmindustrie.
    Im »Foley Room« werden mit supersensitiven Mikrofonen die Geräusche für Filme aufgenommen: Hufscharren, Räuspern, Knistern, Harley-Knattern, Fliegensirren und alles, was sonst noch so tönt, raspelt und brummt. Die beiliegende DVD zeigt, wie Tobin, der bis dahin noch nie ein Mikrofon benutzt hatte, durch die Gegend fährt, vielerlei Field-Recordings einfängt und im »Foley Room« mit Drummer Stefan Schneider (Kreidler) und dem Kronos Quartet experimentiert. Wo die Musik eines ähnlich arbeitenden, politisch korrekten Künstlers wie Matthew Herbert bei aller konzeptionellen Kauzigkeit in der Regel doch kaffeehauskompatibel bleibt, setzt Amon Tobin seine Hörer in einem kühn gemorphten Gewölbe aus, das sich allzu großer Gemütlichkeit strikt verweigert. An den Wänden kickboxen melodische Silhouetten mit gnadenlosen Breakbeats, von der Decke starren die Streicher gleich Stalaktiten herab, und am Boden flattern die Reste von Stanislav Lems mutierter Schmetterlingssammlung herum. »Foley Room« weist Tobin als einen der spannendsten Musikererzähler der Jetztzeit aus.

LABEL: Ninja Tune

VERTRIEB: RTD

VÖ: 02.03.2007

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