Björk

Volta

Text:

Die Blasinstrumente in dem neuen Song »Wanderlust«, dem zentralen Stück ihres neuen Albums »Volta«, klingen wie wehmütige Nebelhörner. Björk singt: »This relentless restlessness liberates me.« Die Gier nach Neuem wird hier verhandelt, das Verlangen nach Abenteuern, raus aus New York, mit dem Boot auf den weiten Atlantik fahren, Sauerstoff tanken. Atemlose Wechsel. Auf »Declare Independence« fordert Björk: »Start your own currency! Make your own stamp! Raise your own flag!« In »My Juvenile« wendet sie sich an ihren 20-jährigen Sohn Sindri, spricht zu ihm: »Habe ich dir zu früh zu viel Freiheit gegeben? (Aber ich habe in guter Absicht gehandelt…!) « Als Duettpartner dabei: Antony Hegarty von den Johnsons als Stimme des schlechten Gewissens. Sehr impulsiv, dafür umso naiver geht es in »Earth Intruders« zu. Der Text beruht auf einem Traum, geträumt von Björk während eines Transatlantikflugs nach einem traumatischen Besuch in der vom Tsunami verwüsteten Region Aceh im Norden
Sumatras: Eine gewaltige Flutwelle aus mittellosen Menschen aus Afrika und Indonesien türmt sich über ihrem Flugzeug auf und brandet schließlich über dem Weißen Haus in Washington DC. Diese Mittellosen übernehmen die Macht und schaffen einen Ausgleich für viele Ungerechtigkeiten in der Welt.
    The natives are restless. Der Traum passt zum Grundrhythmus des Albums. Björk erinnert uns: Wir sind nur Tiere, wir sind ein einziger heidnischer Stamm, der sich zum Stammesrhythmus bewegt. One nation under a groove.
    Im Unterschied zur filigranen Arbeit, die sie mit zahllosen Schichten von Beats und Sounds auf »Vespertine« geleistet hat, klingen die Beats auf »Volta« wesentlich organischer und impulsiver. Mehr Holz, mehr Beats von richtigen Trommeln, mehr Stammesklänge. Vollzogen wird das auf einigen Stücken von den Schlagzeugern Chris Corsano und Brian Chippendale und der experimentellen Gruppe Konono No 1 aus dem Kongo. Daneben verleihen analoge Drum-Synthesizer wie der legendäre Roland TR-808 dem Album eine nostalgische Retro-Ästhetik. »Organisch« nennt Björk diese Vorgehensweise. Die elektronischen Beats stammen von ihr selbst, von Timbaland (»Earth Intruders«, »Innoncence«) und dem alten Björk-Veteranen, LFOs Mark Bell (»Declare Independence«, »Wanderlust«). »Volta« bietet in diesem Sinne vieles, auch Marsch- und harte Industrial-Rhythmen. Es ist absehbar, dass der eine oder andere Remix zum Clubhit werden wird.
    Ebenso bunt fällt die Instrumentierung des Albums aus. Zwei ausgefallene Saiteninstrumente: Toumani Diabaté aus Mali spielt auf »Hope« eine Kora, Min Xiao-Fen aus China an anderer Stelle eine Pipa. Daneben ist das alte Europa mit einem Clavichord vertreten, einem Vorfahren des Cembalos. Schließlich hat Björk interessante Arrangements für eine zehnköpfige weibliche Blechbläsergruppe aus Island geschrieben. Vielfalt ohne Grenzen? Es käme ihr darauf an, gerade durch diese Vielfalt keine nationale Zuordnung der Musik zuzulassen, sagt Björk.
    Wenn das alles ziemlich abenteuerlich klingt, dann liegt das ganz einfach daran, dass Björk mit »Volta« das Abenteuer sucht. Auf »Vespertine«, dem ausgetüftelten Kunsthandwerk, gab sie den wunderlichen Eremiten, der sich in die Natur Islands zurückzieht und den Gletscher als seinen Schrein bezeichnet. »I thrive best hermit-style with a beard and a pipe«, hat sie da noch gesungen. »Medúlla«, das reine Vocal-Album, stand für die Erforschung und die gewollte Beschränkung auf die Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Und zuletzt steuerte Björk die von traditionellen japanischen Klängen inspirierte Musik zu »Drawing Restraint 9« bei, einem experimentellen Film ihres Lebensgefährten, dem amerikanischen Multimedia-Künstler Matthew Barney.
    Offensichtlich ist Björk nach diesen strengeren, introvertierten Experimenten die Decke auf den Kopf gefallen, so dass mit »Volta« wieder die extrovertierte Björk die Bühne vereinnahmt. Impulsiv, neugierig, hungrig, unersättlich wie ein Mensch mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne: »Oooh, ich liebe Pink! Grün ist sooo langweilig!«

LABEL: One Little Indian

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 04.05.2007

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