Diverse
Yellow Lounge Compiled By Rufus Wainwright
Text: Benedikt Köhler
Die Klassikszene hat ein Nachwuchsproblem. Sich in Schale schmeißen, ins Opernhaus gehen, stundenlang still sitzen und gespannt den Klängen und Gesängen von Wagner, Verdi und Mahler lauschen: Das ist nicht besonders cool und hat etwas von Nachsitzen in der Schule. Darum bringt die Industrie ihr geballtes Marketingarsenal in Stellung, um eine Zielgruppe zu erreichen, die klassische Instrumentalmusik nur aus dem Kino kennt. Eine vergleichsweise zahme Strategie liegt darin, die angestaubte E-Musik mit frischen Gesichtern - von Diederichsen bis Wowereit - zu verknüpfen. Tiefer greift die Reihe »ReComposed«. Hier dürfen schon einmal Matthias Arfmann oder Jimi Tenor ein paar Sätze Mussorgsky, Satie und Reich umarrangieren und in hippe Dub- oder Clubversionen remixen. Seit einigen Jahren gibt es noch eine dritte Variante, die am Kontext der Klassik schraubt. Die Marketingsprache nennt dies »neue Kommunikationsformen entdecken«. Mit der Deutsche Grammophon-Reihe »Yellow Lounge« bekommt die Klassik nicht ein neues Gesicht oder einen neuen Sound, sondern einen neuen Ort. Statt in spießige Konzertsäle geht es nun in die Klassik-Disko. Auch Popgrößen wie Neil Tennant, Matthew Herbert oder eben Rufus Wainwright - der meint, »dass es eine Wende geben muss, was den Musikgeschmack der jungen Leute angeht«- sind von dieser Hochkulturmission begeistert.
Auf der vierten Yellow Lounge-CD hat Singer-Songwriter Wainwright nun aus einigen Lieblingsstücken - »ich habe sie alle in meinen iPod geladen und auf ›Shuffle‹ gedrückt« - einen Klassik-Megamix produziert. Die Frage ist nun: nach welchen Kriterien bewertet man so etwas? Rainald Goetz hat es vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht und die Verbindung aus Reflex und Reflexion betont: das DJ-Set als eine »auf praktische Umsetzung gerichtete Vision einer realen Abfahrt«. Einem Set, das speziell für das Massenmedium CD produziert wird, fehlt diese Lebendigkeit zwangsläufig. Der DJ ist nicht Beobachter und Schöpfer eines »real prozessual entstehenden Kunstwerks«, sondern nur Plattenaufleger. Er hat nicht 4:30 bis zur nächsten Entscheidung, sondern einen ganzen Monat.
Was bleibt von dieser Kulturform? Zum einen die Makrodramaturgie, also Musikauswahl und -anordnung, zum anderen die Mikrodramaturgie: die Kunst der Übergänge. Was den ersten Punkt angeht, bleibt dieses Set doch recht gewöhnlich. Schön, aber nicht überwältigend, und harmonisch wesentlich simpler als die Originale sind die beiden Wainwright-Nummern »Hometown Waltz« und »Cigarettes and Chocolate Milk« zu Anfang und Ende, die von dem Fauré Quartett in Klavierquartette verwandelt wurden. Hier schmerzt das Fehlen bittersüß-ironischer Zeilen wie »You may ask why I want to torch my home town« schon ein bisschen.
Die weitere Musikauswahl besteht größtenteils aus bekanntem und leicht zugänglichem Material: Ausschnitte aus dem ersten Streichquartett von Haydn, dem Ersten Brandenburgischen Konzert von Bach und Beethovens Sechster. Darin unterscheidet sich diese Compilation nicht von dem ARD-Wunschkonzert. Auch die Vokalstücke sind eher naheliegend: Mit dem aufwühlenden »Rex tremendae« aus Verdis Requiem, dem unheilschwangeren »Tre sbirri, una carrozza« aus Puccinis Tosca oder dem tragischen Schluss von Richard Strauss´ Salome setzt Opernfan Wainwright die Höhepunkte seines DJ-Sets recht offensichtlich.
Nur mit wenigen Stücken wagt er sich in harmonische und melodische Gebiete, die wenigstens etwas die Hörgewohnheiten von Klassik-Einsteigern herausfordern könnten: mit dem Finale aus Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, das schon einen Hauch Jazz erahnen lässt, sowie mit Schnittkes polystilistischer »Quasi una sonata« und ihren schleifenden Streichern und monoton-gehämmerten Passagen. Es bleibt aber bei Mitpfeif-Klassik. Keine Spur von Schönberg, Strawinsky oder Ives - da würde das neu-bürgerliche Milieu der Klassiklounges vor Schreck wohl seinen Absinth verschlucken.
Überzeugend und spannend dagegen die Mikrodramaturgie. Die Übergänge zwischen den Stücken sind an einigen Stellen so genial gesetzt, dass man ungläubig zurückspulen möchte. Zum Beispiel wenn Schnittkes 1968er Avantgarde-Sound als direkte Fortführung von »Siegfrieds Rheinfahrt« (Wagners Götterdämmerung) erscheint oder wenn die VII. Enigma-Variation von Elgar auf einmal von Ravels einarmigem Pianisten weitergespielt wird. So bleibt, leider etwas versteckt hinter der übersteigerten hochkulturellen Musikpädagogik, wenigstens unterbewusst ein Hauch von DJ-Kultur.
LABEL: Deutsche Grammophon
VERTRIEB: Universal Music
VÖ: 25.05.2007

TwitThis
Facebook
Buzz
del.icio.us
Google Bookmarks
Digg
Ping.fm
FriendFeed
Yigg
MisterWong.DE
Technorati
Netvibes
MySpace
Identi.ca
StumbleUpon



