Timbaland

Shock Value

Text: Stephan Szillus

Der talentierte Mr. Mosley. Wurde seine instrumentale Kreativität in der Vergangenheit von einem konservativen Vokalisten gezähmt, dann gerieten seine Subwoofergranaten nicht selten zu Geniestreichen. Wenn er jedoch selbst die Fäden in der Hand hielt, wie auf seinen gemeinsamen Alben mit dem mittelmäßig talentierten Comic-Rapper Magoo, dann bekam man eine heterogene Soße aus ein paar Hits und jeder Menge überflüssigem Spinnkram. Dieser Tradition bleibt Timbo auf »Shock Value« treu: Hier wechseln sich kreative Geistesblitze wieder komplett unberechenbar mit hoffnungslos misslungenen Songentwürfen ab. Manchmal funktionieren sie immerhin über das Prinzip der Repetition: Nachdem die ersten Urteile über die Vorabsingle »Give It 2 Me« mit dem Erfolgsduo Furtado/Timberlake von »erschreckend langweilig« bis »unerträglich käsig« reichten, gab zumindest der kommerzielle Erfolg dem Titel inzwischen recht – und tatsächlich erwischt sich selbst der inbrünstigste Gegner nach einigen Durchgängen beim Mitsummen der infektiösen Hook. Überhaupt kann man gegen das erste Drittel des Albums nicht viel haben, hier taucht schon zu Beginn ein altbekanntes und tausendmal gesampletes Nina-Simone-Piano auf, wird aber mit wahnwitzig synkopiertem Hi-Hat-Wahnsinn aufgefrischt, und gleich darauf berichten Justin, Keri und D.O.E. von ihrem letzten inspirierenden Ibiza-Urlaub, worauf Dre und Missy ihre Angebereien über eine fies knarzende Synthie-Bassline schicken. Wäre »Shock Value« nach dem fünften Song vorbei, wäre es daher schon jetzt die EP des Jahres.

    Doch im zweiten Drittel meint der Meister uns einen Haufen generischen Einheitsbrei servieren zu müssen, um dann gegen Ende endgültig seine stilistische Geschmacklosigkeit zu beweisen, wenn er mit biederen Emo-Rockisten wie She Wants Revenge, One Republic oder Fallout Boy kollaboriert. Es ist diese komplett unbegründete und auch bisschen armselige Angst vieler sogenannter urbaner Künstler, nicht als »echte Musiker« wahr- und ernstgenommen zu werden, die ein Genie wie Timbaland sogar in die Arme von Menschen wie Elton John treibt. Generell lässt es sich ohnehin kaum verleugnen, dass der Architekt des Cyber-R&B den Zenit seines Schaffens vielleicht schon überschritten hat, was sich daran zeigt, dass es soundästhetisch viel Bewährtes und wenig Visionäres zu hören gibt: Bollernde Bassdrums, blubbernde Synthies, Rave-Referenzen – kennt man alles. Schlimmer noch als diese Selbstreferenzialität ist jedoch die unsympathische Rap-Persönlichkeit, die Timbo sich offenbar im Zuge seines Fitnessprogramms gleich mitzugelegt hat und die prinzipiell okaye Songs wie »Kill Yourself« oder »Come And Get Me« mit selbstgefällig-humorloser Attitude unerträglich macht.

LABEL: Geffen

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 20.04.2007

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