Maxïmo Park

Blaue Schuhe! Und dahinter die Unendlichkeit

Text: Ole Wagner

Wir sind verabredet in einem Hotelzimmer in Berlin. Ein kleiner, modern eingerichteter Raum mit namenloser, zeitgenössischer Kunst an den Wänden. Es riecht nach Zwiebeln. Paul Smith entschuldigt sich für eine gerade einmal anderthalb minütige Verspätung. »That’s not my room, actually«, bemerkt er, nachdem er kurz in den Raum geschnuppert hat. Sein verschnupfter Newcasteler Geordie-Dialekt liegt phonetisch irgendwo zwischen Altenglischem Hochland und Norwegens sprachlichen Fjorden. Wenn ein Newcasteler zum Dichter oder Songschreiber wird, muss er darauf achten, dass er im Rest der Welt auch verstanden wird. Im Geordie-Dialekt gibt es zahlreiche Vokabeln, die gibt es sonst nirgendwo. Auch ich muss mich erst daran gewöhnen.

Anders als auf der Bühne, wo Paul Smith den englischen Herrenanzug zu seinem Markenzeichen gemacht hat, trägt der Maxïmo Leader zu unserer Verabredung betont leger rote Strickjacke, Kappe und Baggy-Jeans. Er kommt gerade vom Shoppen, links und rechts trägt er glänzende blaue Einkaufstüten. Keine Schallplatten. Die hat er schon am Vortag in Hamburg gekauft. Heute sind es zwei Paar Sneakers von Adidas. Eines davon übrigens in  Babygröße – früh übt sich, was Markenidentifikation und Style angeht. Der Vater seines Patenkindes, für das die Schuhe gedacht sind, sei eben »sehr statusbewusst«. Das andere Paar ist für ihn. Er stellt die Tüten ab und reicht mir die Hand. »Solange dein Leben Substanz hat, kannst du auch blaue Schuhe anziehen.« Paul Smith lacht herzhaft über sein Bonmot. Blaue Schuhe! Und dahinter die Unendlichkeit.
    Auch bei Maxïmo Park geht es um Oberflächen – der Ort, den der Blick zuerst trifft. Mit Paul Smiths Einstieg in die Band 2003 begann das konzeptuell-visuelle Denken, das sich fortan im gesamten Auftritt der Band manifestierte. Maximo Park positionierten sich dank einer wohlausgewogenen Rezeptur aus Unbekümmertheit und einem spielerischen Umgang mit den Zeichen des Pop als die Neuen auf der Britpop-Rennbahn. Als einstiger Kunststudent, der zum Sänger wurde – das reiht ihn ein in eine lange Tradition von britischen Popmusikern von David Bowie über Bryan Ferry bis hin zu Damon Albarn und Simon Taylor von den Klaxons –, legte Smith von Anfang an Wert auf eine eigene Signatur. Diese betraf alle Medien, die Maxïmo Park zur Kommunikation mit der Außenwelt nutzten. Corporate thinking, ansprechende Looks: »Ich will nicht, dass Dinge auf dem Weg vom Absender zum Empfänger verrecken. Das betrifft alle Aspekte: unsere Köpersprache auf der Bühne, das Artwork, die Website, das betrifft sogar die Wahl des Papiers, auf das die Lyrics gedruckt werden. Ich bin ein Kontroll-Freak, was Äußerlichkeiten betrifft.«
    Der längliche Sessel, auf dem Smith es sich bequem gemacht hat, erinnert an eine Couch, und ich ertappe mich in Gedanken mit dem Block in der Hand am Kopfende sitzend und in ruhigem, therapeutischen Tonfall fragend: »Und? Was macht das mit dir?« Tatsächlich sagt Smith: »Es ist doch alles miteinander verbunden. Ich kann nicht sagen, die Musik sei wichtiger als alles andere. Eine Band, das ist eine komplette Sache. Wie bei Roxy Music. Wie bei den Beatles. Diese Bands besaßen einen Wiedererkennungswert, an den sich die Leute halten konnten.« Eine Band hat in diesem Sinne ein Perpetuum Mobile zu sein, mit verlässlichen Insignien, Lebenszeichen und Identifikationsflächen.

    Paul Smith war ja selber mal Fan. Als er von der Spex im Mai 2005 zum ersten Mal auf’s Cover gehoben wurde, trug er ein Cocteau-Twins-Badge am Revers seines Jacketts. »What about the Cocteau Twins?«, frage ich ruhig. Smith lehnt sich zurück in seinem Sessel, das Leder knarrt, er erinnert sich: »Als ich 14 Jahre alt war, habe ich die Cocteau Twins live im Fernsehen entdeckt. Ich konnte kein Wort von dem verstehen, was da aus Liz Frazers Mund kam. Sie hat in ihrer eigenen Sprache gesungen, verfiel immer wieder ins Keltische. Sie wollte sich ausdrücken aber nicht ausstellen. So hatte ich bis dahin nie jemanden singen gehört und seitdem auch nie wieder. Also habe ich mir ihr Album ›Four Calendar Café‹ gekauft und mich von da an zurückgearbeitet zu den ganzen frühen Alben. Für mich war das die große Sache. Wenige mochten die Cocteau Twins damals, weil ihre Musik zu verwirrend, zu avantgardistisch war. Die Melodie mäanderte stets irgendwo herum. Mein Badge habe ich mit 17 gekauft und seither mit Stolz getragen. In Japan habe ich es verloren, als ich auf der Bühne auf und ab sprang. Nach dem Konzert fiel es mir auf, ich ging wieder raus auf die Bühne und suchte sie ab, aber da war nichts mehr zu machen, das Badge war verschwunden.«

Maxïmo Park waren seit der Veröffentlichung ihres Debüts permanent auf Tour, allein dreimal bereisten sie Deutschland. Das hat ihren Sound geschlossener gemacht und nebenbei die Wut gemildert. Smith: »Als ich die Texte für ›A Certain Trigger‹ schrieb, war ich wütend. Inzwischen will ich verstehen. Jeder macht Fehler, ob das nun auf einem persönlichen oder auf  einem weltpolitischen Level sei.« Schwer zu vermitteln war seinen Fans auf alle Fälle der Auftritt während der Fifa-WM auf dem so genannten Fanfest in Hamburg auf dem Heiligengeistfeld. Dort spielten Maxïmo Park, eingeklemmt zwischen  MasterCard-Cheerleaders und Hyundai-Pausenclowns, ein mittägliches Kurzkonzert. Viele Fans äußerten in Internet-Foren entschieden ihr Befremden ob des Fehltritts einer Band, die zuvor eher selten zur falschen Zeit am falschen Ort angetroffen wurde.

    Normalerweise sind Konzerte von Maxïmo Park Ereignisse. Als wären Sprungfedern unter seine Schuhsohlen angebracht – und er selbst eine Comicfigur – kennzeichnet Paul Smith Anfänge und Enden seiner Songs stets mit schier unglaublich hohen Spagat- oder Strauchelsprüngen. Auftritte sind geprägt von einem durchgängig hohen Energielevel. In seinen Gesang legt er größtmöglichen Ausdruck, was er in irren Grimassen und großen, ausholenden Gesten in Richtung Publikum formuliert. Hier und da ein kleiner Hüftschwung, dann wieder zackige, roboterhafte Zappeleien. Bemerkenswert ist auch der Anblick des studierten Keyboarders Lucas Wooller: Er tänzelt und stolpert, dass es ein Rätsel bleibt, wie er die Tasten trifft. Smith: »Wir befinden uns innerhalb der Koordinaten der Musikindustrie an einem interessanten Punkt. Wir können eigentlich tun und lassen, was wir wollen. Wir sind auf keinem Major-Label, wir können dem Business zuwiderhandeln und trotzdem Teil dessen sein. Ich genieße es ja auch, in TV-Shows aufzutreten und unsere Musik einem Publikum zu präsentieren, das sich sonst niemals solche Musik anhören würde. Man darf mit unseren Songs Spaß haben. Es sind intelligente Songs, aber müssen sie deswegen zwangsläufig politische Slogans enthalten? Es gibt natürlich Slogans, allerdings sind die eher persönlicher Natur. Ich singe Sätze wie: ›I Am Young And I Am Lost‹ oder ›Apply Some Pressure‹ und spreche die Leute offenbar in dieser verkürzten, sloganhaften Sprache unmittelbar an. Es ist einfach weit und breit keine kühle Theorie.«

    Paul Smith ist heute 28 Jahre alt. Nach wie vor veröffentlicht seine Band auf dem britischen Warp-Label, das traditionell bekannt ist als Heimat avantgardistischer Elektronikmusiker wie Aphex Twin, LFO, Boards Of Canada, Nightmares On Wax, Autechre – und dem Nicht-Elektroniker, Filmschauspieler, Regisseur und Ex-Calvin-Klein-Model Vincent Gallo. Längst gehören Gallo und Maxïmo Park zu den neuen Aushängeschildern des vormals hermetisch elektronischen Labels – Gallo brachte den Glamour, Smith fuhr den kommerziellen Erfolg ein. Warp-Gründer Steve Beckett unterstrich mit dem Signing der Gitarrenband, dass man nicht notwendigerweise Markenschärfe einbüßt, wenn man auf Leute setzt, die das Spiel mit den Pop-Codes beherrschen – und sei es, wie im Falle Maxïmo Parks, intuitiv beherrschen.

Und wie die überwältigende Mehrzahl der Warp-Acts bleiben Maxïmo Park auf ihren Covers ohne Abbildung. Das Artwork des neuen Albums »Our Earthly Pleasures« zeigt abermals keine Band und auch keinen Sänger, es zeigt ein Pärchen in einem schlichten Raum, weiße Wand, Holzdielen, viel Raum. Beide schauen traurig drein. Er trägt sehr lange Haare und einen gepflegten Bart, blickt zu Boden, auch sie ist eine Schönheit, beide tragen geschmackssichere, lässige Klamotten. Mit einer zärtlichen Geste legt sie ihre rechte Hand auf seine linke Schulter. Das Bild ist silbrig-grau abgedunkelt, mit kühler Distanz inszeniert. Smith: »Ziemlich einfach und direkt, wundervoll fotografiert.« Wie schon bei »A Certain Trigger« werden die anschließenden Singles aus »Our Earthly Pleasures« das Motiv und die Ästhetik des Albums fortsetzen: »Our Velocity«, die erste Single, zeigt abermals ein Pärchen, und wieder scheinen sie sich zu trösten. Der fotografische Stil ist der gleiche, nur die Klamotten und die Frisur sind anders. Smith: »Menschen interessieren sich für sich selbst und das, was sich direkt vor ihren Augen befindet. Was von ihnen geliebt wird. Ein Junge, ein Mädchen, ein Kind.« 

    Bereits das grafische Konzept von »A Certain Trigger« war seriell und somit auf Wiedererkennbarkeit angelegt. Damals zierten schwarzweiße Silhouetten wild tanzender Individuen – junge, ikonenhaft fotografierte Männer und Frauen in coolen New-Wave-Anzügen und schicken Kleidern – die Cover. Die Fotografien Ian Davies’ wollten als Hommage an den New Yorker Künstler Robert Longo verstanden werden und deuteten ein erstes Mal an, dass Maxïmo Park deutlich mehr als nur eine funktionierende Oberfläche anstreben. Tatsächlich hat Longo in den achtziger Jahren eine Serie von großformatigen Bildern gemalt, auf denen eben jene Motive junger Tänzer zum ersten Mal auftauchten. Smith: »Unsere Plattencover forderten schon damals Aufmerksamkeit. Sie wollen Neugierde für die Band wecken, die hinter den Bildern steht. So wie die Film-Stills auf den alten Covern von The Smiths, die den Geist der Band ästhetisierten, ohne die Musiker direkt zu zeigen. Auch wir würden unserer Musik keinen Gefallen tun, wenn wir uns selbst als Personen auf den Covers inszenieren würden. Wir können uns heutzutage nicht mehr abheben, wir können nicht wie die Ramones eine Pose vertreten. Die Ramones konnten sich fotografieren lassen und sagen: ›Hey, wir sind wütender Punkrock, und so sehen wir auch aus‹. Wir können das nicht.«

    »Das Ziel ist es«, kommt Paul Smith zur Sache, »eben nicht eindeutig zu sein, sondern stets mehrdeutig zu bleiben. Es gibt so viele richtige Wege, eine Sache zu erklären. Trage ich auf der Bühne einen Anzug, weil ›American Psycho‹ mein Lieblingsroman ist? Vielleicht ja. Vielleicht nein. Ist Bret Easton Ellis der moderne F. Scott Fitzgerald, in dem Sinne, dass er den Blick auf das Vakuum der modernen Gesellschaft richtet? Die Gegenwart lächerlich macht und sie doch gleichzeitig zelebriert? Ich trage gern Anzüge und achte auf mein Aussehen. Das Spiel mit den Identitäten ist für mich das Wesen von Pop.« Fast muss man davon ausgehen, dass Paul Smith auch beeindruckt gewesen ist von Mary Harrons »American Psycho«-Verfilmung: In Patrick Batemans cleanem Manhattaner Apartment hängt jedenfalls ein fetter Longo über dem King-Size-Bed.

    Smith: »Was wir den Leuten präsentieren sind doch immerfort Masken. Denn darum geht es ja: herauszufi nden, was oberhalb und unterhalb der Oberfläche passiert. Sobald du also die Bühne betrittst, solltest du besser wissen, welche Rolle du spielst. Sonst bist du ein Narr. Die Führungsposition in einer Band muss glaubhaft besetzt sein, das Publikum braucht einen Bezugspunkt zu dem, was es sieht. Auf Konzerten gebe ich mich charakteristisch, markant, unverwechselbar. Das liegt in der Natur der Sache. Ich muss meine Individualität nicht jetzt hier in einem Gespräch mit einer Person ausdrücken. Das wäre lächerlich. Sobald ich allerdings vor 3.000 Leuten stehe, erhält die gesamte Situation eine ganz andere Dramatik. Jede Geste wird automatisch verstärkt, da kann man gar nichts gegen tun. You feel like pulling things from thin air which of course you aren’t.« Er spricht es nicht aus, aber eine der Situation angepasste Rolle spielt Paul Smith auch im Interview: Nicht nur in seiner Rolle als Kontroll-Freak, was die Außendarstellung von Maxïmo Park anbetrifft, oder als Sänger erinnerbarer Slogans, auch im Gespräch dropt Smith gezielt Referenzen, die ihn und die Band zum Ausgangspunkt für Exkursionen in die Welt der Popkultur machen.

Der von ihm erwähnte F. Scott Fitzgerald etwa gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Amerikanischen Moderne. Zwischen Jazz-Age, Wirtschaftsboom und Börsencrash dokumentierte und durchlebte Fitzgerald die zwanziger Jahre im Exzessrausch. Ein Prototyp der Bühnenpersönlichkeit Smiths gewissermaßen, elegantly wasted. Der Alkohol war es schließlich, der den Schriftsteller im Alter von 44 Jahren umbrachte. Ein Lebensentwurf also, der auch heute noch als Blaupause für Künstlerbiographien funktioniert? Der Popstar Smith zeigt seine weißen Zähne. »Du kannst mit Tieren ins Bett gehen, Drogen nehmen, bis sie dir zu den Ohren rauskommen – und die meisten Leute werden sagen: ›So ist er eben. Ein Popstar.‹ Das Tourleben bringt ganz selbstverständlich Extreme in dir hervor. Man muss sich dessen bewusst sein. Diese Momente, in denen du kurz davor stehst, eine geliebte Person zu betrügen oder etwas anderes zu tun, von dem du weißt, dass du es bereuen wirst. Es sind diese existentiellen Momente, die ich so faszinierend am Leben finde und die unsere neuen Songs definieren. Ich möchte die Menschen fesseln, darum singe ich über Dinge, die alle Menschen begehren. Darum heißt die Platte ›Our Earthly Pleasures‹.«

     Klein, schlaksig, schmächtig und von der Art Attraktivität, die schon Jarvis Cocker zum Schwarm vieler Mädchen werden ließ, wirkt Smith wie derjenige aus der Klasse, der immer nur Bücher las, im Sport schlecht war und bei dem wir stets nur merkten wie hübsch er war, wenn er mal die Brille abnahm. Bekanntlich bedurfte es einer Freundin eines Freundes, die mithörte, wie Paul Smith eines Abends auf einer Studentenparty Stevie Wonders »Superstition« sang, um ihn von da direkt mit seiner heutigen Band zu verkabeln. Vor besagter Party spielte Smith Gitarre in tristen Instrumental-Bands.

    In diesem Sinne entdecken Maxïmo Park auf ihrem zweiten Album, was ihr Debüt von 2005 trotz 13 toller Songs doch vermissen ließ – ohne dass man dieses Manko seinerzeit hätte adäquat formulieren können. Es war ein Körper! Ein Klangkörper, der mit deutlichem Nachdruck Maxïmo Parks rockistisches Potential freilegt, die Riffs und die Breaks, so dass in den neuen Songs erstmals maskuline Präzision und muskulöse Eleganz aufscheinen. Bereits »Our Velocity« tobt energisch rum und legt Maxïmo Parks Trümpfe gleich mal auf den Tisch. Dezent tänzelnden Synthie-Bleeps werden stakkatostarke Gitarrenfiguren vor die Sinuskurven geworfen. Selbst noch so nassforsche rhythmische Brüche wirken bald logisch, weil sie Raum für Dynamik schaffen. Ganz klar dicker Poprock, domestiziert, aber voller Kraft. Überklug gebaute Brücken führt der Gesang hin zum todsicher hittenden Refrain, während Zeilen wie »I buy books I never read / And then / Tell you more about me!« verzücken. Aus dem Stoff von »Our Velocity« würden andere Gruppen drei Lieder machen. Oder vier. Programmatisch, traurig und episch: »Karaoke Plays«. Ganz dunkel fließende Gefühlslava. Der Song zieht musikalisch mit einem melancholischen Malström von Refrain in die Tiefe. Smith: »Wenn dich etwas wahrhaftig berührt, schreibe einen Song darüber. Das ist besser als vorzugeben, man fühle nichts.« In »Girls Who Play Guitars«, der Gerüchten zufolge zweiten Single, geht Paul Smith der alten Frage nach, warum Mädchen sofort als Schlampen gelten, wenn sie beim Feiern mal so richtig abgehen. Stoisch hält das Keyboard einen künstlichen Ton im Hintergrund durch, lässt ein zickiges Basswuppen den jubilierenden Gitarren innerhalb eines druckvollen Arrangements völlig freien Lauf.

    Kurz: »Our Earthly Pleasures« birgt eine Härte, die sich dem Rock öffnet – ohne dessen Authentizitätsdogma zu entsprechen. Alle zwölf neuen Songs eint ein dynamisches Profil, das geradezu maskulin zu verführen versucht. Ein auf den Punkt gewuchteter ganz großer Wurf, der die knallende Live-Energie der Band mit ihrem Talent zum Schreiben großer Popmusik zusammenbringt. Smith: »Nicht viele Bands begreifen ihre Musik so bewusst in einem Pop-Format, wie wir es tun. Wir hinterfragen immer wieder: Funktioniert die Gitarre in diesem Part? Was ist ihr Zweck, wie hat ihr exakter Klang zu sein?« Maßgeblich beteiligt an der voluminösen Weiterentwicklung des Maxïmo-Sounds war der neue Produzent Gil Norton, der schon mit ganz dicken Rock- und Pophosen der Branche wie den Foo Fighters oder Frank Black & The Catholics zusammen gearbeitet hat.

Smith: »Wir haben auf unserem neuen Album – mal in einem Gitarrenpart, mal in sich überlappenden Rhythmen – immer wieder Elemente von Steve Reich platziert. Aber wird das jemand bemerken? Wird er deshalb anders über Musik denken? Kann sein. Vielleicht unterbewusst! Es spielt keine Rolle.« Spielt es natürlich doch, denn sogleich erstrahlen Maxïmo Park heller, weil sie ihren Poprock aufladen. Mit der Nennung Steve Reichs lenkt Smith wie zuvor schon mit F. Scott Fitzgerald den Fokus auf das ganz große Referenzstilwerk. Als Pionier der Minimal Music war der 1936 geborene US-Amerikaner Steve Reich in der Mitte des letzten Jahrhunderts einer der ersten Komponisten, der melodische und rhythmische Tonfragmente aneinanderreihte, sie übereinander oder gegeneinander verschob und auf diese Weise bis dahin ungeahnte Klangmuster erzeugte.

    Vielleicht auch, weil die Reich-Zitate in den neuen Songs wie unsichtbar mitschwirren, entwickeln Maxïmo Park auf »Our Earthly Pleasures« mit aller Wucht Hits, die ihre Wirkung erst vollends nach mehrmaligem Hören entfalten. Für das Radio ist das sicher schlecht, für den Hörer ist es schön.
Smith: »Die schweren und harten Passagen sollten diesmal schwer und hart sein und die leichten sollten ihren fragilen Charakter behalten. Ich wollte einen Rock-Sound. Einen Rock-Sound, wie man ihn von Led Zeppelin in den Siebzigern oder den Smashing Pumpkins in den Neunzigern kannte. Man könnte meinen, das widerspräche sich mit Pop, aber tatsächlich lieben wir solche Musik.«

    Was daher rühren könnte, dass Paul Smith sich während seines Bummelstudiums der Bildenden Künste in Newcastle ausgiebig mit musikalischer Quellforschung befasst hat. »Ich habe während der Studienzeit viele Aufsätze über Musik geschrieben, über den Blues und über Folk-Musik, schließlich eine Arbeit mit dem Titel ›The Birth of Popular Music‹. Meine Abschlussarbeit handelte von Independent-Rap am Beispiel des DefJux Label, also El-Ps Label, auf dem unter anderem RJD2 und Company Flow veröffentlichen. Ich beschäftigte mich mit der Frage, ob Rap heute noch eine Form von Widerstand ist, wenn er doch zurzeit die wahrscheinlich kommerziellste Musik der Welt darstellt. Ich habe in meiner Arbeit geschrieben, dass am Ende jedes Genre irgendwann im Mainstream endet. Ich frage mich manchmal, ob wir es nicht genauso machen.«

    Fast folgerichtig singt Smith heute in »Nosebleed« die Zeile: »We changed our looks for you«. Ein letzter Wink mit dem Zaunpfahl, dass Maxïmo Park ihr zweites Album wie ein Spiel angegangen sind, dessen Spielregeln zwar alle kennen, aber die Maxïmo Park durch Vieldeutigkeit durchbrechen, um direkt ins Zentrum zu zielen: »I’m aiming for somewhere central / Now isn’t it obvious?« Indem Maxïmo Park die Extreme nicht an den Rändern suchen, sondern in der Mitte, schließt sich der Kreis. In der Taz formulierte Gerritt Bartels die Quintessenz des Systems Maxïmo Park: »Melodien, Pop und Energie, positive Unruhe, Jugend und nochmal Pop.« Das sind die Regeln. Sie treffen auf Spieler, welche die Spielregeln zu dehnen gelernt haben, um besser spielen zu können.

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