CocoRosie / Nico Muhly
The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn / Speaks Volumes
Text: Julian Weber
Die Himmelsfanfaren frohlocken es bereits, die Ankunft des dritten CocoRosie-Albums steht bevor. »Unser neues Album ist ein schwarzes Schneekristall. Manche Songs sind verträumt, manche sind blutverkrustet. Wie eine Oper steckt unsere Musik voller himmlischer Geheimnisse«, orakeln die Casady-Sisters im Inlay der CD. »The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn« zeigt Bianca und Sierra von ihrer nachtschwärzesten Seite. Klänge aus verwunschener Zeit, düstere Materie. Wenn die Ladies gedeckte Farben tragen und Kleider aus dem 19. Jahrhundert, verschwindet der Brooklyn-Stadtindianer-Folkappeal von früher im Sphärennebel.
Diesmal hat Björk-Produzent Valgeir Sigurdsson das Duo in Island aufgenommen und CocoRosie in ein flackerndes Petroleumlampenlicht gerückt. Durch seine Close-Miking-Methoden sind sie, so paradox das klingen mag, stärker präsent. Obwohl CocoRosie-Musik weiterhin nach Bates Motel klingt. Den beiden Geisterpferden auf dem Rückcover wird vorne ein Uniformierter zur Seite gestellt, er/sie kniet nieder, während ihm/ihr die Schwestern eine Geburtstagstorte kredenzen. »Bloody Twins«, »Werwolf«, »Black Poppies« heißen die Lullabies, die dazu angestimmt werden. Stimmen tanzen im Torchsong-Takt, werden von einer Musette, von einer Fahrradklingel, von Melodien der Vereinzelung begleitet. Nicht alle Kapitel von »The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn« erzählen vom Grauen. Am Anfang lassen CocoRosie einen schützenden Dancebeat aus Porzellan lospurzeln, ein Chant für die »Rainbowarriors«. Auch »Japan« hat den herrlich debilen Hippie-Hiphop-Mitsing-Flair Marke Devendra Banhart, garniert mit den Fisher-Price-Electronics, für die man CocoRosie schätzt. Es heißt, Michel Gondry wird zu einem der neuen Songs einen Clip drehen. Wenn das mal nicht Björk angezettelt hat.
Der New Yorker Nico Muhly macht für sein Debütalbum »Speaks Volumes« ebenfalls gemeinsame Sache mit Valgeir Sigurdsson. Auch hier hatte Björk die Finger mit im Spiel: Muhly arrangierte bereits Streicher für »Verspertine«. Außerdem kollaboriert er für sein Debüt mit Antony (von Antony And The Johnsons), der ja wiederum beim letzten CocoRosie-Werk mit von der Partie war. Selber Dunstkreis, anderer Aszendent. In seiner Heimat wird Nico Muhly als Komponistentalent in der Nachfolge der Minimal Music gehandelt. »Speaks Volumes« erscheint schon allein durch die sparsame Instrumentierung formstreng, bei vier der sieben Etüden sind Solopiano, -Cello, -Celeste tonangebend. Muhly sieht sich beeinflusst von Chormusik der englischen Renaissance und von amtlichen R&B-Produktionen.
»Vergesst den Dirigenten«, hat er den Orchestermusikern bei der Aufführung eines seiner Werke als Losung mit in den Graben gegeben. Die Aufführungspraxis von klassischer Musik sei ihm zuwider, offen sprechen die Linernotes von »Speaks Volumes« über die Inszeniertheit seines Albums, das auf der Stereoanlage so »echt« wirken würde wie bei einer Live-Performance. In der ihm eigenen Ambience hat Valgeir Sigurdsson Muhlys Kompositionen fast körperlich in den Raum gelegt und einige verunsichernde Festplattenknackser beigesteuert. Auf diese Weise gelingt ein Album, das die wunderbare Besonderheit aufweist, zugleich meditativ und doch auch dornenreich zu sein.
LABEL: Touch And Go / Bedroom Community
VERTRIEB: Soulfood / Indigo
VÖ: 13.04.2007

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