Eine Band weniger
Blumfeld ist tot. Distelmeyer lebt.
Text: Christoph TwickelBlumfeld, sagt Jochen Distelmeyer, sei immer die Band gewesen, in der er all das habe machen können, worauf er Bock gehabt habe. Er sitzt im Restaurant des Hotel Hafen Hamburg, trinkt Espresso und stilles Wasser, ringt um präzise Formulierungen und blickt auf die andere Elbseite. Dahin, wo eine Woche später die Belegschaft von Airbus demonstrieren wird. Gegen Entlassungen und gegen die französische Konzernspitze. Mit den Deutschlandfahnen, die man noch aus dem WM-Sommer hat. »Deutschland der Deutschen« heißt der allerletzte Blumfeld-Song – veröffentlicht auf der 5-CD-Box »Ein Lied mehr«, die auch die ersten drei Alben der Band enthält. Eine zarte, deutliche Ballade zur gezupften Gitarre. »Es geht wieder los, sie singen ihr Lied / Unschuldig wie einst ihre Ahnen«, heißt es dort. Aber auch: »Hab’ alles verlor’n und weiß nicht wohin / In den kommenden Jahren.«
Hätte Jochen Distelmeyer mit Blumfeld nicht alt werden können? Er winkt ab. Ihm fielen zu wenige Beispiele ein, wo das kreative Arbeiten über Jahrzehnte von Spannung getragen sei. Die Distelmeyer’sche Song-Manufaktur war in den letzten Jahren von der fiebrigen, zitatreichen Binnenreimverfertigung immer mehr zur Produktion klarer, schönheitsseliger Lieder übergegangen, die sich selbst genug waren. »Nachtigallen tanzen / Saft schießt in die Pflanzen« – es hätte ewig so weitergehen können, Platte um Platte. Stattdessen erklärt Jochen nach genau 16 Jahren und sechs Alben den Komplex Blumfeld für abgeschlossen und gibt uns ein Rätsel auf: Was ist hier vollendet? Er wolle den Abwasch jetzt nicht alleine machen, so weist er am Beginn des Interviews die Frage zurück. Danach, als der Rekorder eingepackt ist, fallen doch noch ein paar Sätze. Er spricht über die entrechteten Massen in den Zeiten von Hartz IV, über ihr Mit-Rücken-zur-Wand-Stehen, über die Sehnsucht nach Rettung und Führern und darüber, dass es Blumfeld immer darum gegangen sei, die Rolle des Einzelnen zu befragen. Sagt Distelmeyer, der alte, charismatische Einzelne, der seine Zuhörer nie zum Feuerzeuganzünden brachte, aber immer zum Kuscheln – auch, als Blumfelds Musik noch gar nicht danach war. Schon 1994 bemerkte Spex-Autor Christoph Gurk an dieser Stelle die vielen knutschenden Pärchen auf den Konzerten. Oder ging es doch immer vor allem um Liebe? Bandauflösung hin oder her: Die Befragung ist längst nicht abgeschlossen.

Wann ist der Entschluss gefallen, Blumfeld aufzulösen?
Ich habe schon beim Schreiben der Stücke für »Verbotene Früchte« gedacht: Abgefahren! Das klingt ja schon wie so’n Abschluss. Während der Proben, der Aufnahmen und der Live-Konzerte ist dieses Gefühl in den Hintergrund getreten. Ich habe das dann als Abschluss dieser Trilogie der letzten drei Platten interpretiert. Mit der Idee, den Back-Katalog wieder zu veröffentlichen, erinnerte ich dieses Gefühl aber wieder.
Dass du jetzt ein Œuvre vor dir hast, etwas Abgeschlossenes?
Ja, dass es der perfekte Abschluss ist. Das habe ich den anderen dann erzählt, und alle konnten das total nachvollziehen und fanden das auch cool auf ’ne Art.
Es gibt keine anderen Gründe?
Die Leute fragen: Wieso jetzt auflösen? Hat das was mit der Krise von irgendwas zu tun? Vertrauensverlust in die Verheißungen von Popkultur? Alles Kram, der mich nicht für fünf Pfennig interessiert hat. Für mich ist es eine künstlerische, selbstbewusste Entscheidung, jetzt das Ende zu setzen.
Aber du wirst ja nicht aufhören, Musik zu machen, vermute ich.
Nein, ich werde schon noch weiter Songs schreiben und singen. Das ist ja mein Ding. Aber bestimmte Fragestellungen inhaltlicher oder musikalischer Art sind mit »Verbotene Früchte« bis auf weiteres beantwortet. Wenn’s am schönsten ist, soll man gehen. Banal, aber das ist so. Wie auf ’ner Party, wo es den perfekten Moment gibt, an dem man wieder nach Hause fährt. Nicht zu früh, natürlich.
Auf der CD-Box »Ein Lied mehr« gibt es neben dem Live-Album und den drei ersten Alben auch einen neuen Song: »Deutschland der Deutschen«. Der ist offensichtlich während der WM entstanden.
Zur WM. Aber es hätte genauso gut die WM davor gewesen sein können – oder die Loveparade. Das Grundgefühl ist dasselbe, es hat während dieser WM nur seinen festgeschriebenen Höhepunkt, seinen unhintergehbaren Gipfel der Unverschämtheiten erreicht. Ich war die ersten Wochen der WM nicht in Deutschland und hatte mich dort erst mal gewundert, warum die Bild-Zeitung tagelang über Puffbesuche von Ottfried Fischer schreibt. Dann habe ich aber die anderen Zeitungen gelesen und festgestellt: Die machen ja alle schon den Job der Bild-Zeitung und haben das ganz unverkrampft-weltoffen, also extrem krampfig herbeigeschrieben. Dann kam ich zurück und fand das hier alles so vor… inklusive junger Mädchen mit schwarzrotgoldener Bemalung, die dann auf der Feldstraße sangen: »Wer nicht siegt, der ist kein Deutscher!«
»Wer nicht siegt« oder »Wer nicht singt«?
»Wer nicht siegt, der ist kein Deutscher.« Eine sehr unangenehme Situation. Wer auch immer da jetzt sich bemalt oder mit der Flagge wedelt, ob es jetzt Party oder das Wiedererstarken eines längst verlorenen und unmöglich geglaubten Normalzustands ist, ist mir vollkommen schnurz. Das Ergebnis ist dasselbe. Nur den Leuten scheint nicht klar zu sein, dass zu dem warmen Schoß der nationalen Identität, der scheinbar einzig noch verlässlichen Größe, die den Leuten ein Zusammengehörigkeitgefühl glaubhaft vermittelt, Armeen und Kriege ganz ursächlich und zwangsläufig dazugehören.
Ich habe während der WM viele junge Migranten-Kids gesehen, die schwarzrotgold ausstaffiert waren und sich sozusagen selbst dazu ermächtigt haben, »deutsch« zu sein. Konnte man darin nicht noch ein anderes Moment sehen? Dass gerade die, die traditionell nicht dazugehören, die Avantgarde sind?
Wer sich da so fühlen möchte, das ist mir egal. Die Tatsache, dass es ein Bedürfnis gibt und eine Mobilisierung stattfi ndet, die vielleicht in den Fußgängerzonen und Stadien anfängt, aber irgendwo im Kongo aufhört, das ist für mich eben ein zentralerer Punkt als irgendwelche Romantizismen von irgendwelchen Leuten, die auch mitfeiern möchten. Ist ja auch ein alter Hut. Wenn sich die soziale Frage immer mehr aufdrängt, wenn das klassische und für veraltet erklärte Potential des Klassenkampfes auf der Tagesordnung stünde, wird mit der nationalen Frage gekontert.
Du hast von der Trilogie der ersten drei Blumfeld-Alben gesprochen. Für meine Begriffe hat sich danach, also zwischen »Old Nobody« und »Testament der Angst«, eine neue Form des Sprechens, des Textens bei Blumfeld entwickelt.
Wobei das ja bei »Old Nobody« auch schon angelegt war, in einem Text wie »Eines Tages« vollzogen, also dieser Konnex zwischen einem Quasi-Gospel-Text der Gemeinde und dem Schritt des Einzelnen, des Hobos, der diese Gemeinschaft verlässt und auch die Form der Anrufung verlässt. Als Hiphop hierzulande sehr populär wurde, hat mich das als Form nicht mehr so interessiert. Da hat mich eher interessiert: Wo kommt das her? Auch für uns als Rock’n’Roll-Soul-Hiphop-Kultur englisch-amerikanischer Prägung. Und wie kann man da selber zu einer eigenen oder anderen Form von Sprechen kommen, die einfach und genauer ist, die mehr in die Enge geht? Wie Paul Celan in der Büchner-Preis-Rede sagte – das habe ich dann so mit auf den Weg genommen: Man muss in die eigenste Enge gehen. Kleiner werden. Apfelmännchen. Ohne mögliche Dimensionen zu verlieren. Apfelmännchen, die gibt’s ja in der Chaosforschung.
Aber der Apfelmann, von dem du singst, scheint eher der auf dem Wochenmarkt zu sein.
Ja.
Wenn man ein Kinderlied macht wie »Apfelmann«, hat man doch vermutlich Lust darauf, in offene Münder zu sehen, oder nicht?
Ja, oder auf einen Moment, der das Staunen wach hält. Aber das kommt in zweiter oder dritter Instanz und bestätigt einen eher darin, weil es sich gut anfühlt und Spaß macht. Platten, die mir gefallen haben, haben auch in mir immer das Gefühl gestärkt, dass ich meiner eigenen Sicht der Dinge trauen kann. Sie haben mich darin bestärkt, mich mündig zu fühlen. Und – da sind wir wieder bei »Deutschland der Deutschen« – sich auch gegen die Masse, ’ne Bewegung zu stellen. Sonst nimmt man sich nur wahr als Teil eines Stammes, der in Stellung gebracht werden soll.
Apropos Stamm: Jan Delay hatte auf dem letztjährigen Fusion-Festival offensichtlich das Gefühl, Opfer eines linken Dogmas zu sein, das ihm untersagt, Begeisterung für die deutsche Nationalelf zu zeigen. Er hat bei seinem Konzert die ganze Band in deutsche Trikots gekleidet und Publikumsspiele inszeniert: »Say Klinsmann!« – »Klinsmann!« Im Spiegel-Interview hat er das als Provokation gegen das Stammesverhalten der Linken gedeutet.
Opfer eines linken Dogmas? Ein Künstler sollte und muss sich nicht – das Privileg genießt er als Künstler – zum Erfüllungsgehilfen irgendwelcher nationaler Kollektivphantasien machen. Wenn er es macht, hat er ein anderes Interesse, dann will er was anderes. Aber das hat keinen Stil. Ich war nicht dabei, ich kenne nur die Geschichten. Aber selbst wenn man ’ne geile Party feiern will, gibt es Wichtigeres und Schöneres zu sagen als: »Das Trikot ist geil!« Dafür gibt es doch die Sönke Wortmanns dieser Welt, die Westentaschen-Leni-Riefenstahls.
Als du Anfang der Neunziger mit Blumfeld angefangen hast, gab es Bands wie Silbermond, Juli und die ganze neue deutsche Alternativ-Pop-Welle noch nicht. Hat das einen Unterschied für dich gemacht in den letzten Jahren?
Nicht wirklich. Ich sehe Blumfeld nicht in einem Zusammenhang damit.
Aber Blumfeld wird und wurde – Stichwort Quotendebatte und Heinz-Rudolf Kunze – immer in diesen Zusammenhang gebracht.
Aber da haben wir immer klar gesagt: Bitte nicht mit uns! Wir sehen uns da woanders. Auch Anfang der Neunziger gab’s viele belanglose Bands, nicht nur in der Bundesrepublik. Ich habe mich nie in der Position gesehen, irgendwelche Kauf- oder Boykott-Empfehlungen auszugeben.
Ärgerst du dich beim Radiohören nicht manchmal über das Niveau, auf dem da über Liebe gesungen wird?
Manchmal. Ja. Aber meine Zeit ist mir zu kostbar, um mich mit Dingen zu beschäftigen, wo ich schon innerhalb weniger Augenblicke denke: Och, nee! Die fühlen sich gut damit, der Mehrheit der Leute geht es ähnlich – was soll ich mich darüber aufregen?
Das kann auch produktiv sein. Dein Lied »Die Diktatur der Angepassten« dürfte aus so einer Aufregung heraus geschrieben worden sein.
Ja, klar. Aus Notwehr.
Blumfeld sind seit Ende der Neunziger bis zum aktuellen Album immer mit einem »Mainstreamisierungs«-Verdacht konfrontiert gewesen. Hat das für dich überhaupt jemals einen Sinn gemacht – von Mainstream und Nicht-Mainstream zu sprechen?
Als Punk-Fan natürlich schon. Aber irgendwann – ich kann das gar nicht genau datieren – war es doch ganz offenkundig, dass die so genannte alternative oder Independent-Musik das neue Mainstream-Ding wurde. Endpunkt ist, wenn H&M mit den neueren Styles schneller sind als irgendeine clevere englische Indie-Marke. Aber das ist schon so ewig her! Diese Subversions-Verheißungen von so einem Pop-Ding, das hatte sich mit »Old Nobody« für mich schon erledigt.
Aber wunderst du dich nicht darüber, dass euch wiederholt der Vorwurf gemacht wurde, ihr hättet nicht verstanden, dass die Verheißungen der Subversion obsolet sind?
Ich sehe die Art, wie die ganzen letzten Jahre darüber geschrieben, gesprochen, gearbeitet wurde, so: Das ist eine Industrie, ein Markt, an dem sind Bands beteiligt, Plattenfirmen, Schreiber, Videoproduzenten, Fernsehmoderatoren. Autoren können ihre Artikel unterbringen, Bands ihre Platten verkaufen, weil der Gedanke der Subversion am Leben erhalten wird. Das ist nur zu verständlich. Bei diesem verzweifelten Klammern an einem scheinbaren Subversions-Versprechen von Popkultur sind die Fragen, die sich eigentlich auch über Musik, Stücke-Schreiben und so weiter besprechen ließen, immer mehr ins Hintertreffen geraten. Dieses Pop-Gerede ist der Diskurs der »House-Negroes«. Die, wie in dem Bild von Malcolm X, beim Hausbrand verzweifelter gegen das Feuer ankämpfen, als es der Herr tut, dem das Haus gehört. Ich finde auch das beständige Bezugnehmen auf schein-subversive Sachen, auf Platten, im Gestus, im Style, wirklich langweilig. Wer die Revolution machen will, der soll die Revolution machen. Der soll sich aber auch darüber im Klaren sein, was das heißt. Denn dann steht man vor der Frage, der »Machtfrage«, ob man es für sich verantworten kann, genauso wie es »die Eliten« und »der Markt« ganz grundsätzlich tun, dem »Recht des Stärkeren« auf seine Art zu huldigen und Opfer zu produzieren. Mit »Verbotene Früchte« habe ich gesagt: Ich kämpfe nicht. Ich bin einfach nur da.

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