Air Pocket Symphony

Da hocken sie alle zusammen, die beiden von Air, Jean-Benoît und Nicolas, die Tochter vom Gainsbourg, Charlotte, der Jarvis mit seiner Frau und Herr Godrich, nach dessen Namen man üblicherweise Air, Radiohead und Beck in Klammern setzt – er war ihr Produzent, der Putzmann, der die krausen Ideen der Musiker in geordnete Bahnen bringt. Und sie treffen sich abends, nachdem sie tagsüber mit Neil Hannon musiziert und Texte geschrieben haben. Und trinken Alkohol. Und dass das Aufstehen am kalten Morgen nach »One Hell Of A Party« nicht immer einfach ist, der Kopf sich lieber wieder hinlegen möchte, die Gesichter und Worte von gestern verwischen, singt Jarvis Cocker mit rauhem Timbre im mit Abstand besten Lied des Albums. Dazu ein gefrostetes Klavier, bei dem man beim Spielen kalte Finger bekommt. Die Ohren frieren ein. Und einige Monate vorher, im notorischen Café de Flore im Herzen von Saint-Germain-des-Prés, empfiehlt Nicolas’ »Muse« (er nennt seine Freundin tatsächlich »Muse«, nicht Freundin) ihm, dem Bärtigen der Band, sich doch mal mit Japan zu beschäftigen.

Und prompt fragt man bei der japanischen Botschaft an, wird einer Lehrerin vermittelt, die Nicolas in einem Jahr das Koto- und Shamisen-Spielen beibringt – und fertig ist das »Japan«-Album von Air. Eine große Leere, blütenweiße Streicherflächen, eine gute Idee pro Track, das bezeichnen die beiden Komponisten als »Zen« – »We went to Japan and we were searching for some kind of Zen attitude this time«. Eine ausführliche Beschäftigung, eine musikalische oder textliche Reflexion der ursprünglich chinesischen Zen-Buddhismus-Lehre findet sich bei Air aber selbstredend nicht, es geht ausschließlich um den Style, die diffuse Idee einer reinen, einfachen, leisen Welt. Und so, wie sich heute jeder Mensch mit ausreichend Geld im Portemonnaie im Handumdrehen in einem Second-Hand-Laden eine perfekte Designer-Wohnung zusammenstellen kann, so zimmern sich die beiden Franzosen mit einer Vorstellung von Japan als Land der blitzsauberen Denke und Musik eben ein Japan-Album zusammen. Und so erdrücken der gute Geschmack, der ganze Kitsch, die Marantz-Verstärker, die Art-Pop-Platten der Siebziger und die Design-Klassiker der sechziger Jahre die Musik und erschweren auch die Freude am Hören.

Dass Air meinen, man könnte eine Symphonie, eine der ausuferndsten musikalischen Formen der letzten 300 Jahre, auf Taschengröße eindampfen, sagt viel und letztlich alles über die Absichten der Band auf ihrem neuen, größtenteils instrumentalen Album. »Pocket Symphony« ist somit nach »City Reading (Tre Storie Western)« das zweite Album, das in krudem Exotismus schwelgt.

LABEL: Virgin

VERTRIEB: EMI

VÖ: 02.03.2007

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