Vague Angels

Truth Loved

Text: Lina Brion

»I spell oblivion with an i, without you at least I try«. Mit diesen Zeilen beginnt »Truth Loved«, die Geschichte einer Romanze und eines monologisierenden Rockmusikers, der von fremden Orten, New York City und sehr viel Alkohol singt. Diese Sätze demonstrieren als eines zahlreicher möglicher Beispiele Chris Leos kluge wie sublime Sprache. Ob in den Neunzigern mit Native Nod, The Van Pelt und The Lapse oder heute mit den Vague Angels: Leo ist der unermüdliche Meister einer rätselhaften wie verschachtelten Syntax, die es vermag eine eigene Poetik und Bildhaftigkeit zu entfalten. Der New Yorker ist nicht nur Songwriter, sondern auch Autor, und »Truth Loved« ursprünglich das siebte Kapitel in Chris Leos erstem Roman »White Pigeons«, der 2004 beim US-amerikanischen Independent-Verlag Fifth Planet Press erschien. Dort fungiert es als Album der fiktiven Band The Breaks, tatsächlich eingespielt wurde es von den Vague Angels und erscheint dieser Tage erstmals weltweit als eigenständiges Album. Leo entstammt der New Yorker Hardcore-Szene der frühen Neunziger. Mit seiner ersten Band Native Nod veröffentlichte er auf Gern Blandsten, einem kleinen Indie-Label aus New Jersey, dessen Bands Merel, Rorshach und Sticks & Stones heute als einflussreiche Vorreiter für Genre-Entwicklungen wie Emo und Metalcore gelten. Diese Wurzeln sind auch heute noch hörbar, wenngleich jedoch sein Sound um einiges erdiger geworden ist, sich dem Folk und Blues genähert hat. Bezeichnend für das Album ist eine enorm vielschichtige Instrumentierung und das unkonventionelle Spiel, das Takt und Tempo miteinander eingehen. Oftmals scheint der Rhythmus zu stolpern und straucheln, nur um sich im folgenden Moment wieder zu fangen und dem überraschten Hörer die Auflösung eines komplexen Arrangements zu offenbaren. Ebenso schlagen die Harmonien stets überraschende Haken, rutschen in schräge Tonlagen, und machen somit darauf aufmerksam, was melodisch abseits populärer Tonfolgen überhaupt noch alles möglich ist. Hinzu kommt Chris Leos charakteristische Art des narrativen, schneidend-nöligen Sprechsgesangs, der zuweilen an Mark E. Smith und Tobias Levin erinnert und besonders in »The Difference Between This, That and The Other Thing« beeindruckende Formen annimmt. Nachdem ein euphorischer Männerchor »I’m a Roman! Everything I own is broken! Everything I own is stolen!« grölt, rollt Leo seine Worte mit einem trunkenen Rhythmus, sich überschlagender Geschwindigkeit und anschließend pausierender Besonnenheit dem treibenden Beat entgegen. Seine Worte sind: »So this keeps me dirty / But baby I’m still dandy / And I know I can be a bit too dandy / But baby, I’m still dirty (...) I know I’m dirty and I could use new shoes / But the booze, the booze, the booze«.

LABEL: Expect Candy

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 23.03.2007

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