The Earlies

The Enemy Chorus

Text: Ole Wagner

Wenn der britische NME, das offizielle Organ für amtliche Hypes und notwendig folgenden Schmäh ein Indierock-Album mit 10 von 10 möglichen Punkten bewertet, dann ist Vorsicht geboten: know your enemy! Schon fordern Fundamentalisten eine Indierock-Fatwa, weil doch gar zu viele neue Bands vorgeblich nur Klischees aufsitzen (auf die Schuhe gucken, Gitarre spielen, Beatles hören, Glockenspiel gut finden). The Earlies, deren Debüt »We Were The Earlies« vor zwei Jahren die eingangs erwähnte zweifelhafte Ehre zuteil wurde, und deren Mitglieder sowohl aus Texas (USA), als auch aus Burnley (UK) kommen, wird zuviel Budenzauber sicher wenig stören, denn der musikalische Nachfolger, den sie – Sound-Files über Kontinente austauschend – patchworkartig schufen, macht selbst in wunderlichem Budenzauberbusiness: Mit 175 von 174 möglichen Instrumenten musizieren The Earlies dir feine Löcher ins Trommelfell, durch die ihre netten und soliden Sixties-Melodien ungehindert eindringen können. Es entsteht ein episch auftischender Summer-of-Love-Alarm im Ohr, der es in einer eigenen harten Sphärung mit Gruppen wie The Flaming Lips, The Beta Band und den Super Furry Animals aufnehmen will. Meist geben Brandon Carrs vielspurige Harmoniegesänge den Stücken eine strukturelle Sicherheit, die es den anderen Mitgliedern Christian Madden, John-Mark Lapham und Giles Hatton möglich macht, ihre in allen 666 Regenbogenfarben gehaltene Sommerdecke auszubreiten und sie in Echtzeit derart mit ausschweifenden Ornamenten zu besticken, dass die Naht kracht. Do you like my Glockenspiel? Come on, hier gibt’s noch ein paar Mariachi-Mushrooms. Guck mal, freies Orgeln! Hmm, jetzt ’ne schöne George Harrison dampfen. It’s magic! Ein unerschöpfl icher Vorrat an Lauschgift geht zur Geige. Mit einiger Verspacung wirken auch die Fanfaren. Glücklich verpeilte Figuren kriechen auf allen Klavieren dem endlosen Horizont entgegen. Regelmäßige Flashbacks und halluzinogene Hangover runden das Bild eines festlich überbeleuchteten musikalischen Mitsommernachttraums ab. Sie sorgen für a usreichend schattige Kontraplätze, an denen der Euphoriemüde sich in komfortabler Gesellschaft von Downbeat-Loops und Klage tragenden Doom-Flächen verpuppen  kann, um das eben Erlebte kurz zu rekapitulieren. Denn hat man sich gerade eingeschossen, überraschen The Earlies mit neuer Phase, neuem Elan und Songs, die sich zwischen Beck und The Monochrome Set drängeln, um psychedelisch zu zündeln. Der kleine Brand wird mit zwei Fingern gelöscht,  man lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil: total von sich überzeugt scheuen The Earlies nicht ein Finale in Saus und Braus. Wüste Fanfaren, die einem albern aufgelegten Lawrence of Arabia beim Brandy gefallen würden. Die eigentliche Stärke von »The Enemy Chorus« ist eine zusammengeworfene, die im vollen Vertrauen auf Magie entsteht. Und für das Kunststück, das Tackergeräusch einer Schreibmaschine in einen Song einzubauen, ohne es wie einen Taschenspielertrick von Radiohead klingen zu lassen, würde Thom Yorke ihnen 10 von 10 seiner ultrararen Autechre-Sammelbilder geben.

LABEL: Grönland Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 23.01.2007

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