Tim Fite

Over The Counter Culture

Text:

Tim Fite wurde nach eigener Aussage immer genau mit der Musik sozialisiert, deren Ursprünge am weitesten von seinem jeweiligen Aufenthaltsort entfernt lagen. Wenn dieses Gesetz weiterhin gilt, dürfte er in letzter Zeit an irgendeinem Ort weit weg von New York und Los Angeles gelebt haben. Denn im Vergleich zu seinem ersten Album »Gone Ain’t Gone« (2005) sind die HipHop-Anteile noch einmal gewaltig gestiegen, während der innere Hillbilly sich zumindest zeitweise eine Ruhepause gegönnt hat. Auf »Gone Ain’t Gone« eigentlich noch über dem HipHop gestanden, sind seine – auch hier gilt die Logik der Distanz – in New York erworbenen Country- und Blueseinflüsse zwar weiterhin spür- und hörbar, gniedeln jedoch seltener und vor allem viel unauffälliger in zweiter Reihe. Diese Gewichtung ist aber nur mittelbar verantwortlich dafür, dass Fites Collagen manchmal nicht mehr als die Summe der einzelnen Teile darstellen. In seiner verständlicherweise spürbaren Lust am Ausschlachten und Resteverwerten von Tonträgern, die auf dem globalen Recyclinghof ohne ihn der Verwesung, sprich: dem Vergessen preisgegeben wären, geht gerne mal das verloren, was Leute wie z.B. Bobby Sichran mit ähnlicher Musik gelungen ist: Die Faszination, etwas organisch klingen zu lassen, was pure Synthese ist. Fites’ HipHop ist HipHop, sein Rock ist Rock und sein Country Country. Die Samplegewitter, die Fite vorzugsweise aus den Grabbelkisten der Shopping Malls und Plattenläden heraus in seinem Rechner explodieren lässt, landen zwar zahlreiche extrem coole Einschläge, ergeben aber selten ein großes Ganzes. Vielleicht ist das aber nur ein klassischer Fall von >Live kommt das aber ganz anders!<: In den Staaten zählt Tim Fite mit seinen Agit-Shows zu den Großen der subversiven Kleinen. In diesem Kontext erzielen seine Attacken auf modernes Konsumverhalten, HipHop-Klischees und – logisch und nie überflüssig – die Regierung (»A crime is not a government, a crime is just a crime«, »In Your Hair«) vermutlich eine andere Wirkung als zuhause auf dem Sofa und lassen vergessen, dass jetzt oft nur noch Fragmente sind, wo vorher Songs waren. Selber ausprobieren? Geht für lau, denn wie es sich für amtliche Subversion gehört, wird »Over The Counter Culture« ausschließlich als kostenloser Download über die Webseite von Tim Fite vertrieben.

LABEL: anti-

VERTRIEB: TimFite.com

VÖ: 20.02.2007

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