Diverse
What’s Happening In Pernambuco
Text: Christian Rief
Recife, Hauptstadt des im Nordosten liegenden Bundesstaates Pernambuco, schmückt sich gerne mit dem Claim, das Venedig Brasiliens zu sein. Gleichzeitig wurde die Stadt in den 80er Jahren in einer weitreichenden Untersuchung über die Lebensumstände der Bevölkerung mit dem zweifelhaften Label »fourth worst city in the world to live in« ausgezeichnet. Dieses Urteil steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung einer hochproduktiven Subkultur in Pernambuco. Im Mangue Manifesto, einem Aufruf zur Rettung der für ein ökologisches Gleichgewicht enorm wichtigen Mangrovensümpfe, forderte der Journalist und Musiker Fred Zeroquatro: »Holt die Sanitäter oder Recife stirbt an einer Herzattacke!«. Um der Bewegung ein kulturelles und somit auch öffentlichkeitswirksames Fundament zu bauen, gründeten Zeroquatro und sein Kollege Chico Science das Mangue Beat Movement, Urknall der sich nun rasch ausbreitenden Basis an Bands, die alle angesagten Spielarten westlicher Popmusikkultur mit den traditionellen Rhythmen des ruralen Nordostens zu einer tanzbaren und alles andere als larmoyant klingenden suburbanen Beat-Melange mischten. Dies wiederum ist natürlich ein Fall für Ex-Talking Head David Byrne und sein World Music Label Luaka Bop, auf dem u.a. bereits die Tropicalia-Aktivisten Os Mutantes und Tom Zé späte Würdigung erfahren haben. »What’s Happening in Pernambuco« liefert zum Glück nicht einen (in den meisten Fällen misslungenen) Relaunch originären Peripheriepops mittels hektisch affirmierter westlicher Trends. Es funktioniert. Zumal sich etwa der Einsatz dezenter Breakbeats, Scratches oder Reggaestrukturen auffallend nahtlos in traditionelle Melodik und Rhythmik einpflegen lässt und hier nicht der Versuch unternommen wird, über allen globalen musikalischen Errungenschaften das ursprüngliche Anliegen zu vergessen. Der Notfalleinsatz hat sein Ziel erreicht. Dass er sich langfristig den omnipotenten Wirtschaftsinteressen erfolgreich in den Weg stellen kann, muss jedoch wieder einmal ernsthaft bezweifelt werden.
LABEL: Luaka Bop / Cooperative Music
VERTRIEB: RTD
VÖ: 23.02.2007

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